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JobkompassBürgermeister der Gemeinde Helmstadt-Bargen in Baden-Württemberg: Joachim Weschbach. Foto: Gemeinde Helmstadt-Bargen
Wie wird man Bürgermeister*in? Die Zukunft der Gemeinde gestalten
Joachim ist Bürgermeister aus Leidenschaft – den klassischen Feierabend gibt es nicht; es können immer unvorhergesehene Ereignisse eintreten.
Zum FAQ: Bürgermeister*in werden
Ein Abend im Oktober, Joachim spielt gerade ein Konzert mit seiner Bigband, einige Posaunen-Soli liegen bereits hinter ihm. Plötzlich klingelt sein Smartphone. Ein Mitarbeiter vom Bauhof ist dran. „Kann ich in zehn Minuten zurückrufen?“, fragt Joachim. Die prompte Antwort: „Nein!“ Der Grund: Wegen starken Regens drohen in einem Ortsteil Überschwemmungen. Das Wasser kann an einer Brücke nicht mehr richtig abfließen. Die beiden entscheiden am Telefon, das Wasser mithilfe eines Baggers umzuleiten. Der Plan geht auf. Wenig später macht sich Joachim persönlich ein Bild von der Lage an der Brücke. Er trägt noch die Uniform seiner Bigband, am Kopf eine Stirnlampe.
Als Bürgermeister bin ich eine öffentliche Person. Das muss allen bewusst sein, die sich ins Amt wählen lassen.
Joachim Weschbach
„Ich bin immer im Dienst, geregelte Arbeitszeiten gibt es nicht“, sagt Joachim Weschbach, Bürgermeister der Gemeinde Helmstadt-Bargen, die sich zwischen Heidelberg und Heilbronn befindet. Der 33-Jährige stammt aus dem Nachbarort, die Region kennt er seit seiner Kindheit. So geht es vielen, die das Amt übernehmen. Ortsfremde Bürgermeisterinnen und Bürgermeister sind eher die Ausnahme.
„In der Schule war ich Klassensprecher und stellvertretender Schulsprecher, wahrscheinlich stand deshalb im Abibuch, dass ich einmal Bundeskanzler werde“, erinnert sich der 33-Jährige und lacht. Das steht allerdings aktuell nicht auf seiner Agenda. Der Lokalpolitiker schätzt den Kontakt mit den Menschen vor Ort und möchte die Zukunft seiner Heimatregion mitgestalten. „Es ist immer schön, wenn man die Ergebnisse der eigenen Arbeit direkt sehen kann“ – egal, ob es eine neu gebaute Kita ist, eine sanierte Straße oder die modernisierte LED-Straßenbeleuchtung.
Public-Management-Studium in Kehl
Grundsätzlich können in Baden-Württemberg alle für das Bürgermeisteramt kandidieren, die mindestens 18 Jahre alt sind. Formal sind keine besonderen Qualifikationen erforderlich. Wer gewählt wird, ist für die nachfolgenden acht Jahre im Amt. Trotzdem sind bestimmte Charaktereigenschaften förderlich, unter anderem Kommunikationsstärke und Interesse für die Menschen und ihre Anliegen. „Ich denke, es ist sehr hilfreich, schon mit der Funktionsweise der Verwaltung vertraut zu sein“, sagt Joachim, der an der Hochschule des öffentlichen Dienstes in Kehl Public-Management studiert hat. Sein Fokus: Kommunalpolitik und Personalführung.
Nach dem Studium bleibt Joachim der Hochschule zunächst als Leiter der studentischen Abteilung erhalten. Dort setzt er verschiedene Digitalisierungsprojekte um – unter anderem Tools, mit denen Praktikumsberichte digital eingereicht und Krankmeldungen digital erfolgen können.
2019 wechselt er nach Helmstadt-Bargen. Seine neue Funktion: Leiter des Haupt- und Bauamts. Es fasziniert ihn, gemeinsam mit Architekten Gebäude zu planen, Verkehrskonzepte zu erarbeiten und sich über die Barrierefreiheit in öffentlichen Gebäuden Gedanken zu machen. Und auf der Klausurtagung des Gemeinderats erarbeitet er federführend die Themen, die in den kommenden zehn Jahren in der Gemeinde eine Rolle spielen sollen.
Wahlkampf kostet enorm viel Kraft
Nach und nach reift das Vorhaben, selbst für das Bürgermeisteramt zu kandidieren: „Ich wollte die Themen umsetzen, an deren Planung ich beteiligt war“, erzählt Joachim. Als sein Chef entscheidet, in den Ruhestand zu wechseln und nicht für eine weitere Amtszeit zu kandidieren, wirft Joachim seinen Hut in den Ring. Obwohl er CDU-Mitglied ist, tritt er als parteiloser Kandidat an. Der Grund? „Zum einen geht es im Kommunalen immer um Sachthemen, da spielt die Parteizugehörigkeit eine untergeordnete Rolle. Und zum anderen wollte ich nicht, dass die Leute mich in eine bestimmte ideologische Schublade stecken.“
Wahlkämpfe sind fordernd. Der Skiurlaub und viele private Termine entfallen, parallel muss der Job im Bauamt weiterlaufen. Joachims Gesicht schaut von Plakaten, er selbst nimmt an diversen Podiumsdiskussionen teil, geht von Tür zu Tür. Eine Frau, die gerade im Vorgarten arbeitet, fordert ihn harsch zum Weitergehen auf, sie werde ihn auf keinen Fall wählen – „der Tonfall hat mich geschockt und erstaunt.“ Auf einer Abendveranstaltung trifft Joachim die Frau wieder. Sie spricht ihn an, entschuldigt sich und erklärt, sie habe ihn mit dem Gegenkandidaten von der AfD verwechselt.
Am 1. Juni 2025 ist Wahltag. Joachim kann im ersten Wahlgang die absolute Mehrheit auf sich vereinen. Mehr als 300 Leute gratulieren im Rathaus, die Kollegen von der Bigband spielen. „An dem Abend ist alles von mir abgefallen, das war Erleichterung pur!“
Wandlung zur öffentlichen Person
Die ersten Wochen im Amt prägen Vorstellungsrunden, bei den Mitarbeitenden im Rathaus, in der Schule, in der Kita der Gemeinde. Was Joachim am Bürgermeisterdasein überrascht hat? „Definitiv die Zeit, die man für Termine außerhalb der Gemeinde investieren muss“ – es gibt zahlreiche Gremien, die seine Anwesenheit erfordern, unter anderem Sitzungen mit kommunalen IT-Dienstleistern auf Kreisebene, wo es um die Koordinierung der Verwaltungsmodernisierung geht.
In der Regel tagt der Gemeinderat einmal im Monat. Abgestimmt wird über alles, was die Kommunalpolitiker*innen in Ausschüssen – darunter etwa der Ausschuss für Landwirtschaft, Umwelt und Forst – vorbereitet haben. „Es hängt vom Thema ab, wie viele Bürgerinnen und Bürger an den öffentlichen Sitzungen teilnehmen“, berichtet der Bürgermeister. Die persönliche Betroffenheit spiele eine Rolle. Wenn es um die Feuerwehr geht, nehmen viele Ehrenamtliche von der Freiwilligen Feuerwehr teil. Und wenn schulische Angelegenheiten auf der Tagesordnung stehen, sind viele Eltern anwesend, mitunter auch Lehrkräfte. „Volles Haus hatten wir zum Beispiel bei der Umsetzung der Ganztagsschule“ – ursprünglich wollte die Gemeinde die Ganztagsschule verpflichtend für alle Kinder umsetzen. Doch viele Eltern wollten selbst darüber entscheiden, wann ihre Kinder nach Hause können. Inzwischen hat der Gemeinderat das Konzept angepasst.
Auf der Straße, im Supermarkt, teils auch vor der eigenen Haustür: Überall suchen Bürgerinnen und Bürger Kontakt, wollen Probleme ansprechen und Anregungen geben. „Als Bürgermeister bin ich eine öffentliche Person“, unterstreicht Joachim. „Das muss allen bewusst sein, die sich ins Amt wählen lassen.“ Die Menschen spiegeln einem zurück, was sie von der Arbeit der Gemeindeverwaltung halten – im Positiven wie im Negativen.
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Auf welche Fähigkeiten es im Amt ankommt? „Man muss komplexe Sachverhalte schnell erfassen, ein dickes Fell haben und hin und wieder um die Ecke denken“ – für Letzteres nennt Joachim ein Beispiel: In der Gemeinde gebe es ein Unternehmen, das eigentlich Auspuffteile für Kraftfahrzeuge herstellt. „Wir hatten in der Sporthalle das Problem, dass wir die Fußballtore wegen der Fußbodenheizung nicht richtig im Hallenboden fixieren konnten.“ Das Unternehmen habe spezielle Säcke mit Gewichten angefertigt – und damit das Problem gelöst.
Obwohl die Arbeitswoche mitunter 50 bis 60 Wochenstunden umfasst, kann sich Joachim keinen anderen Job vorstellen. „Das Amt gibt mir sehr viel zurück“. Und trotz des vollen Terminkalenders finden sich auch immer wieder Zeitfenster, um mit der Bigband zu musizieren. Auch ohne Unterbrechung durch eine drohende Überschwemmung.
FAQ: Wie wird man Bürgermeister*in?
Den klassischen Weg ins Bürgermeisteramt gibt es nicht – inoffiziell gilt jedoch Public-Management als „Bürgermeister-Studium“.
Welche Voraussetzungen muss ich erfüllen, wenn ich Public Management studieren möchte?
Die Zugangsvoraussetzungen für den Studiengang „Public Management“ können sich je nach Bundesland unterscheiden. In der Regel ist eine Hochschulzugangsberechtigung erforderlich. Hinzu kommt gegebenenfalls das Bestehen einer Aufnahmeprüfung.
Wie lange dauert das Studium?
Das duale Bachelor-Studium umfasst in der Regel sechs Semester und dauert drei Jahre.
Was sind zentrale Studieninhalte im Public Management?
Auf dem Lehrplan stehen Recht, Betriebswirtschaftslehre, Finanzen, Management und Sozialwissenschaften. Hinzu kommen Praktika, die direkt in Behörden stattfinden.
Was verdiene ich?
Wer ein duales Studium absolviert hat und als Beamt*in auf Probe in den Beruf einsteigt, startet in der Regel in der Besoldungsgruppe A10.
Bürgermeister*innen sind Wahlbeamt*innen. Ihre Bezahlung richtet sich nach der Einwohnerzahl der Gemeinde oder Stadt, in der sie gewählt sind. Gemeinde- und Stadträte können, abhängig von der Qualifikation und den anstehenden Aufgaben, auf die Besoldungsstufen Einfluss nehmen.
Die aktuellen Besoldungstabellen veröffentlicht der dbb beamtenbund und tarifunion (dbb).
Welche Karrierechancen bieten sich mir nach dem Public-Management-Studium?
Mobilität, Digitalisierung, Sicherheit – in fachlicher Hinsicht haben Verwaltungsbeamt*innen so viele Optionen, wie es Behörden gibt. Es besteht die Möglichkeit, Führungspositionen zu übernehmen.
Wo finde ich weitere Informationen?
Weitere Informationen findest du bei den Hochschulen der öffentlichen Verwaltungen in den Bundesländern, die den Studiengang Public Management anbieten – hier exemplarisch für Baden-Württemberg bei der Hochschule für öffentliche Verwaltung und Finanzen Ludwigsburg.
Text: Christoph Dierking