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70 Jahre dbb jugendChristine Bergmann war von 1998 bis 2002 Bundesfamilienministerin. Foto: dbb jugend
Aus dem Archiv Vorurteile gegen „Spaßgeneration“ bereits 2001 widerlegt
Für das Magazin „Betreff“ hat die dbb jugend die damalige Bundesfamilienministerin Christine Bergmann interviewt. „Unkenrufe, dass es nicht weit her sei mit dem Engagement junger Leute“, ließ die SPD-Politikern nicht gelten.
Quelle: Betreff 4/2001, Seite 10 f.
Betreff: „Als die Vollversammlung der Vereinten Nationen – übrigens auch mit aktiver Unterstützung der Bundesrepublik Deutschland – im Herbst 1997 beschloss, für 2001 das Jahr der Freiwilligenarbeit auszurufen, da wurde ein Diskussionsprozess um die zukünftige Entwicklung unserer Gesellschaft in Gang gesetzt, der beileibe noch nicht beendet ist.“ – Das waren Ihre Worte im Frühjahr 2001 und nun fragen wir Sie: Gibt es so etwas wie eine Halbzeitbilanz der Aktivitäten, die maßgeblich Sie als Fachministerin für das Jahr 2001 in Gang gesetzt haben?
Bergmann: Ja sicher, und die Bilanz fällt gut aus. Wir haben seither zahlreiche Aktionen, Projekte und Tagungen ins Leben gerufen. Wir haben die Kampagne „Was ich kann, ist unbezahlbar“ gestartet, um das freiwillige Engagement sichtbar zu machen und dafür zu werben. Die Kampagne ist ein großer Erfolg! 27.000 Plakate waren in den ersten Monaten des Jahres in vielen Städten zu sehen. Damit konnten insgesamt 6,3 Millionen Menschen auf ein freiwilliges Engagement aufmerksam gemacht werden. Die Internetseite www.freiwillig.de, die wir als Kontakt und Informationsbörse eingerichtet haben, wird monatlich etwa 500.000mal besucht.
Unsere Wanderausstellung „Freiwillig – für mich – für uns – für andere“ ist mit ca. 120 Einsätzen für das Jahr 2001 ausgebucht, für 2002 laufen viele Anfragen. Die Aktionspakete mit nützlichen Informationen und Materialien für die Umsetzung von Aktivitäten vor Ort sind bereits vergriffen. Auch das Magazin „Freiwillig!“ ist so gut angekommen, dass bereits eine zweite Nummer in Vorbereitung ist. In den Medien wurde über viele Aktionen berichtet. Das freiwillige Engagement ist in der öffentlichen Debatte wieder verstärkt ein Thema. Das ist ein großer Erfolg!
Die dbb jugend feiert 2026 ihr 70-jähriges Bestehen – gegründet hat sich die gewerkschaftliche Jugendorganisation am 2. und 3. November 1956. #staatklar blickt zurück und veröffentlicht Artikel aus den Mitgliedsmagazinen der vergangenen sieben Jahrzehnte, darunter „Der junge Beamte“ und „Betreff“.
Wie steht es denn um das ehrenamtliche Engagement in Deutschland?
Bürgerschaftliches Engagement hat in Deutschland einen hohen Stellenwert und ist lebendiger und vielfältiger als je zuvor. Als zu Beginn des Jahres 2000 die Ergebnisse der repräsentativen Umfrage unseres Ministeriums zum bürgerschaftlichen Engagement veröffentlicht wurden, waren viele positiv überrascht. Mehr als ein Drittel der Bürgerinnen und Bürger – 22 Millionen Menschen – sind derzeit regelmäßig in klassischen Ehrenämtern, andere in sozialen Initiativen und Selbsthilfegruppen aktiv.
Darüber hinaus sind fast noch einmal so viele – nämlich 20 Millionen Menschen – zu einem Engagement bereit, wenn sie die Möglichkeit dazu hätten oder besser über existierende Angebote informiert wären und angesprochen würden. Das sind beeindruckende Zahlen.
Wo können sich so viele Menschen in Deutschland aktivieren?
Es gibt eine Vielzahl von Bürgerinnen und Bürgern, die in den verschiedensten Bereichen aktiv sind, etwa bei der Freiwilligen Feuerwehr, dem Sportverein, in den Gewerkschaften, in der Politik oder in Musik- und Theatergruppen. Von ehrenamtlichen Schiedsleuten und Richtern bis zu Selbsthilfegruppen, wie etwa für Krebs- oder AIDS-Kranke, ist alles vertreten.
Viele dieser gesellschaftlichen Aktivitäten sind ohne den Einsatz von Freiwilligen gar nicht denkbar. Neben den traditionellen ehrenamtlichen Tätigkeiten in Wohlfahrtsverbänden und Vereinen sind in den vergangenen Jahren auch zahlreiche kleine Initiativen mit einer Vielzahl neuer Betätigungen entstanden.
Woher kommen denn immer wieder „Unkenrufe“, dass es nicht weit her sei mit dem Engagement junger Leute?
Diese Annahme ist völlig falsch! Das Gegenteil trifft zu, die 14- bis 24-Jährigen sind besonders engagiert. Ihr Engagement liegt mit 37% über dem Durchschnitt anderer Altersgruppen (34%). Damit wird eindrucksvoll das plakative Vorurteil von der Spaßgeneration widerlegt.
Die Ansprüche und Erwartungen an freiwilliges Engagement haben sich jedoch verändert. Vor allem Jüngere verhalten sich zurückhaltend, wenn es darum geht, längerfristige Ehrenämter zu übernehmen. Sie wollen sich nicht auf ewige Zeit festlegen, sondern erst mal sehen, was auf sie zukommt.
Mehr entdecken: „Von einem Generationenkonflikt kann keine Rede sein“
Für die jungen Menschen ist es auch wichtig, dass sie durch das Ehrenamt neue Qualifikationen gewinnen können. Sie wollen ihre eigenen Fähigkeiten erweitern und dabei zugleich gesellschaftliche Probleme lösen helfen. Das sind die in unseren Untersuchungen am häufigsten genannten Motive. Und sie wollen Spaß haben an ihrer freiwilligen Arbeit. Daran lässt sich ablesen, wie eng Selbstverwirklichung und Solidarität zusammenhängen. Das ist keineswegs egoistisch, sondern ein klares Angebot an unsere Gesellschaft.
Wie wollen Sie die 20 Millionen Menschen, die nach Umfrageergebnissen unter gewissen Voraussetzungen bereit wären, sich zu engagieren, zum Mitmachen motivieren?
Wir wollen das internationale Jahr der Freiwilligen nutzen, um Menschen über ehrenamtliches Engagement zu informieren. Dazu haben wir, wie bereits erwähnt, eine bundesweite Kampagne gestartet, die unter dem Motto steht „Was ich kann ist unbezahlbar“.
Wichtig sind auch die vielen Aktionen, die vor Ort in den Kommunen stattfinden, um das Interesse an ehrenamtlicher Arbeit zu wecken und die Hemmschwelle zu senken. Um junge Menschen für das Ehrenamt zu begeistern, ist es wichtig, Angebote zu schaffen, die den Bedürfnissen der Jungen entgegenkommen: Anderen helfen, Neues lernen, ohne sich an Großorganisationen zu binden. Wir wollen beispielsweise seitens des Bundes die Freiwilligendienste für junge Menschen weiterentwickeln. Auch wollen wir die Einsatzmöglichkeiten im freiwilligen sozialen Jahr erweitern und internationaler ausrichten. Ein freiwilliges soziales Jahr soll in Zukunft auch im außereuropäischen Ausland möglich sein.
In Deutschland haben leider noch nicht alle Betriebe den Wert des ehrenamtlichen Engagements erkannt. Dabei ist es für die Betriebe ein großer Gewinn.
Christine Bergmann, 1998 bis 2002 Bundesfamilienministerin
Das heißt also: Umdenken für alle, die das ehrenamtliche Engagement fördern wollen?!
Nein, wir müssen aber offener und flexibler werden. Wir müssen auch Maßnahmen entwickeln, die diese veränderten Motive für das Ehrenamt aufgreifen und andererseits die institutionellen Rahmenbedingungen für freiwilliges Engagement entsprechend verändern.
Ein aktuelles Beispiel dafür ist der „Leitfaden für die Kommunen“, den wir für das internationale Jahr der Freiwilligen haben entwickeln lassen. Er ist ein Antwortversuch, denn Bürgerinnen und Bürger erwarten von ihrer Kommune konkrete Hinweise, wo und wie sie ihr Engagement zielgerichtet einbringen können.
Ehrenamtler beklagen – eigentlich schon immer –, dass man ihre Arbeit nicht nur kaum wahrnimmt, sondern sie sogar belächelt oder (schlimmer noch) als störend empfindet. Arbeitnehmer/innen können ein Lied davon singen, wenn sie ihren Sonderurlaub einreichen! Was tun?
Durch unsere Kampagne ist das ehrenamtliche Engagement sichtbarer geworden. Auf die Bedeutung der freiwilligen Arbeit wurde und wird in diesem Jahr immer wieder öffentlich hingewiesen. Aber es stimmt, in Deutschland haben leider noch nicht alle Betriebe den Wert des ehrenamtlichen Engagements erkannt.
Dabei ist es für die Betriebe ein großer Gewinn: Die Fähigkeiten und Erfahrungen, die die Ehrenamtlichen durch ihren freiwilligen Einsatz erworben haben, tragen sie in die Unternehmen. In den angelsächsischen Ländern ist es Tradition, den Beschäftigten soziales Engagement zu ermöglichen und Projekte zu unterstützen. Diese Ansicht muss sich in Deutschland noch stärker durchsetzen.
Wir danken für das Gespräch und wünschen Ihnen und allen Mitstreitern eine erfolgreiche Bilanz Ihrer Aktivitäten!
Interview: dbb jugend