• Foto zum Thema "Trendstudie Jugend in Deutschland 2026": Zu sehen ist Kilian Hampel, Co-Autor der Studie.
    Interview
    In Teilen fördert die Trendstudie Jugend in Deutschland 2026 besorgniserregende Ergebnisse zutage, berichtet Kilian Hampel. Foto: Marc-Steffen Unger

Trendstudie Jugend in Deutschland 2026 „Ergebnisse sind Weckruf“ – wie die Politik junge Menschen wieder erreichen kann

Kilian Hampel ist Co-Autor der Trendstudie Jugend in Deutschland 2026. Im Interview ordnet er die Ergebnisse ein – und sieht großen Handlungsbedarf.

Bei der Bundestagswahl 2025 waren lediglich 13 Prozent der Wahlberechtigten jünger als 30 Jahre. „Aus wahltaktischer Sicht ist es nachvollziehbar, dass die Parteien vor allem um die Stimmen der älteren Generation werben“, sagt Kilian Hampel. „Aber sie dürfen die Interessen der jungen Generation nicht aus den Augen verlieren. Das passiert leider aktuell.“

Die Trendstudie Jugend in Deutschland 2026 liefert umfassende Einblicke in die Stimmungslage junger Menschen im Alter von 14 bis 29 Jahren und in die Themen, die sie beschäftigten. Zentrale Ergebnisse: Immer mehr junge Leute verschulden sich. Immer mehr wollen psychologische Hilfe in Anspruch nehmen. Und tatsächlich ziehen einige von ihnen in Erwägung, Deutschland wegen schlechter Zukunftsaussichten zu verlassen.

Im Interview mit #staatklar unterstreicht Kilian Hampel, Co-Autor der Studie, den Ernst der Lage.

Herr Hampel, eine generationengerechte Rentenreform steht aus, die Herabsenkung des Wahlalters auf 16 Jahre spielt aktuell politisch keine Rolle und immer wieder ist der Vorwurf zu hören, es werde in Deutschland zu wenig gearbeitet. Ignoriert die Bundesregierung die Belange junger Menschen?

Kilian Hampel: Nun ja, sie repräsentiert sie nicht und ignoriert sie aktiv. Das ist schon die klare Message. Vor allem passiert mit Blick auf Themen zu wenig, die wir schon lange ansprechen. Das empfinde ich als frustrierend. Uns geht es wie anderen Kolleginnen und Kollegen aus der Wissenschaft, die vor den Folgen des Klimawandels warnen und nicht gehört werden. Ihren Frust und den Frust der jungen Menschen kann ich sehr gut nachfühlen.

Die Konsequenzen lassen sich im Wahlverhalten ablesen, die politische Polarisierung nimmt zu. Die Linke verzeichnet bei den jungen Menschen mit 25 Prozent den höchsten Zustimmungswert, gefolgt von der AfD mit 20 Prozent.

Vor allem die Union und die Ampel-Parteien haben in der Gunst junger Wählerinnen und Wähler stark verloren. Wichtig ist: Man darf nicht die Schlussfolgerung ziehen, dass besonders viele junge Menschen AfD wählen. Denn der Anteil ist bei den Älteren noch einmal höher. Dieser Aspekt geht in der öffentlichen Debatte oft unter. 

Fakt ist jedoch, dass sich junge Menschen den politischen Rändern zuwenden, weil sie dort eher gehört werden.

Also geht es – ganz grundsätzlich – auch erst einmal um die Frage, überhaupt gehört zu werden? 

Das spielt in jedem Fall eine Rolle. Bereits vor einigen Jahren haben wir in einer Studie aufgezeigt, wie viele junge Menschen die AfD über TikTok erreicht. Da ist anderen Parteien bewusst geworden, welche Bedeutung den sozialen Medien zukommt. Inzwischen haben sie aufgeholt. 

Klar ist jedoch: Ein Tanzvideo reicht nicht, Inhalte sind ebenso gefragt. Die Linkspartei etwa hat es geschafft, die soziale Frage glaubhaft in den Vordergrund zu stellen, vor allem auch über Social Media. Das erklärt ihre Beliebtheit. Hohe Mieten und knapper Wohnraum stellen vor allem junge Studierende vor große Herausforderungen. Das zeigen auch unsere Studienergebnisse. Die aktuelle Regierung ist weit davon entfernt, dieses Problem zu lösen.

Die Politik muss erkennen, dass sich da etwas zusammenbraut.

Kilian Hampel

Alarmierend ist, dass 29 Prozent der Befragten angeben, psychologische Unterstützung zu benötigen. Ein neuer Höchstwert. 

Und ausgerechnet vor Veröffentlichung unserer Studie geht die Meldung durch die Medien, dass Psychotherapeut*innen weniger Geld bekommen sollen. Das tut weh, weil es perspektivisch genau das Gegenteil von dem bewirkt, was wir brauchen: mehr statt weniger Therapieplätze. Ebenfalls nicht zielführend: Kürzungsbestreben bei der Nummer gegen Kummer, eine wichtige Anlaufstelle für junge Menschen.

Die Politik muss erkennen, dass sich da etwas zusammenbraut. Und sie muss mehr in die psychische Gesundheit der jungen Generation investieren. Unsere Studie hat ergeben, dass sich insbesondere junge Frauen professionelle Beratungsgespräche wünschen. Junge Männer nutzen verstärkt Künstliche Intelligenz, wenn sie psychologische Unterstützung brauchen.

Auch Schulden können die Psyche belasten. 23 Prozent der jungen Menschen haben Schulden, ebenfalls ein Höchstwert. 

Zunächst ist mir wichtig: Seit Jahren predigen wir, dass es ohne Finanzbildung nicht geht. Man fragt sich, wie laut man eigentlich noch rufen muss. Bisherige Rufe hat die Politik ignoriert, jetzt sehen wir die Konsequenzen. Die Landesregierungen sind in der Pflicht, weil Bildungspolitik Ländersache ist. Finanzbildung gehört auf den Lehrplan!

Insgesamt handelt es sich vor allem um Konsumschulden. Klarna und PayPal, also Bezahldienstleister, die Buy-Now-Pay-Later-Modelle anbieten, stehen im Ranking der Schuldenquellen mit 37 Prozent ganz oben. Es geht also sowohl um unkontrollierte Impulskäufe als auch schlicht darum, sich den gewünschten Lebensunterhalt nicht finanzieren zu können.

Muss die Politik stärker regulieren?

Das ist eine Möglichkeit. Bemerkenswert ist: Auch Minderjährige haben in der Befragung angegeben, Klarna zu nutzen. Das ist im legalen Rahmen gar nicht möglich, offenbar ist in diesen Fällen mit der Altersverifikation etwas schiefgelaufen. Oder die Betroffenen nehmen die Daten ihrer Eltern oder älterer Geschwister.

Wir müssen uns als Gesellschaft stärker mit dem Thema befassen. Wenn ich über Klarna-Schulden spreche, stehen in den Augen vieler Erwachsener noch immer große Fragezeichen. Aber Eltern können ihre Kinder nur unterstützen, wenn sie über aktuelle Trends Bescheid wissen. 

41 Prozent der Befragten ziehen in Erwägung, das Land zu verlassen.

Kilian Hampel

Schulden lassen sich nur mit guten Jobs begleichen. Aber auch daran hapert es.

Die Situation auf dem Arbeitsmarkt hat sich gewandelt, keine Frage. Junge Menschen schätzen ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt aktuell deutlich schlechter ein. Künstliche Intelligenz sorgt für Verunsicherung, viele entscheiden sich lieber für einen Job mit Praxisbezug. Letztlich haben wir aktuell wieder einen Arbeitgebermarkt, das sah vor ein paar Jahren noch ganz anders aus.

Eine alarmierende Erkenntnis der aktuellen Studie ist, dass es in Deutschland an verlässlichen Zukunfts- und Wohlstandperspektiven fehlt. 41 Prozent der Befragten ziehen in Erwägung, das Land zu verlassen. 21 Prozent haben es konkret vor. Dabei handelt es sich nicht nur um privilegierte, gut ausgebildete junge Menschen – das Phänomen zieht sich durch alle gesellschaftlichen Schichten. Diese Ergebnisse sind ein Weckruf.

Zurück zur aktuellen Bundesregierung: Wie müsste ein Sofort-Programm im Sinne junger Menschen aussehen?

Wichtig ist vor allem, dass die Bundesregierung versteht: Junge Menschen machen die Zukunft aus, auch wenn sie gerade nicht in der Mehrheit sind. Die Politik braucht junge Menschen und junge Menschen brauchen die Politik. Es bringt nichts, die Generationen weiter gegeneinander auszuspielen. Die Kommunikation muss wieder auf Augenhöhe stattfinden. Psychisches Wohlbefinden, bezahlbares Wohnen, wirtschaftliche Sicherheit und nachhaltige Finanzbildung – die Politik muss die Themen junger Menschen anpacken und für spürbare Verbesserungen sorgen.

Abgesehen davon wird viel zu viel über junge Menschen geredet, dabei ist es viel wichtiger, mit ihnen zu reden. Dafür müssen wir nicht das Rad neu erfinden; es wäre zum Beispiel ein guter Baustein, die Position der Jugendparlamente zu stärken. Ein Beispiel: Viele halten die Gen Z für faul. Unsere Studie zeigt eine andere Realität: 82 Prozent der jungen Beschäftigten arbeiten in Vollzeit, da kann von Lifestyle-Teilzeit keine Rede sein. Sie sind motiviert und bereit, Leistung zu bringen.

Mehr entdecken: Interview mit der Jungen CDA – „Politik ist gut beraten, Teilzeit nicht an den Pranger zu stellen“

Ein starkes Signal wäre nicht zuletzt, das Wahlalter bei der Bundestagswahl auf 16 Jahre abzusenken. Bei den Landtagswahlen in Baden-Württemberg durften Jugendliche ab 16 Jahren wählen, eine Woche später in Rheinland-Pfalz erst ab 18 Jahren. Partizipation sieht anders aus und hinterlässt derzeit eher offene Fragen als wirksame Signale. Wenn wir junge Menschen beteiligen wollen, müssen wir sie ernst nehmen.

Interview: Christoph Dierking