• Foto zum Thema "Junge CDA": Zu sehen ist Janik Wiemann, Bundesvorsitzender der Jungen CDA.
    Stört sich an dem Begriff „Lifestyle-Teilzeit“: Janik Wiemann, Bundesvorsitzender der Jungen CDA. Foto: Junge CDA

Junge CDA Wiemann: „Politik ist gut beraten, Teilzeit nicht an den Pranger zu stellen“

Janik Wiemann ist Vorsitzender der Jugendorganisation der Christlich-Demokratischen Arbeitnehmerschaft (CDA). Im Interview mit #staatklar äußert er seine Gedanken zur Teilzeitdebatte.

„Die CDU ist die letzte verbliebene Volkspartei, die viele verschiedene Meinungen bündelt“, sagt Janik Wiemann. Auf der einen Seite stehe die arbeitgebernahe Mittelstands- und Wirtschaftsunion (MIT), auf der anderen Seite die Christlich-Demokratische Arbeitnehmerschaft (CDA). „Nur gemeinsam sind wir stark. Aber das bedeutet nicht, dass wir immer einer Meinung sind.“

Letzteres verdeutlicht vor allem die Debatte über das Recht auf Teilzeit, das die MIT einschränken möchte. Inzwischen hat sie den Antrag in seiner ursprünglichen Fassung zurückgezogen. Doch die Debatte bleibt. Sie beschäftigt Wiemann, der sich neben seinem Amt als Bundesvorsitzender der Jungen CDA auch im Vereinsleben und als Notfallseelsorger engagiert. Außerdem hat er bei seinem Arbeitgeber die wöchentliche Stundenzahl reduziert, um Sozialpädagogik und Management zu studieren.

Herr Wiemann, wie kommentiert die Junge CDA den Vorschlag, das Recht auf Teilzeit einzuschränken?

Wiemann: Nach dem Vorstoß haben sich viele Mitglieder bei mir gemeldet und meinten, das sei „unglaublich“ und „ginge gar nicht“. Vor allem der Begriff „Lifestyle-Teilzeit“ ist negativ aufgestoßen. Das ist aus meiner Sicht eine sehr unglückliche Formulierung. Die Gründe für Teilzeitarbeit sind vielfältig, genau wie die Lebenssituationen der Menschen. Es gibt sehr legitime und nachvollziehbare Gründe. Politik ist gut beraten, Teilzeit nicht an den Pranger zu stellen.

Zur Wahrheit gehört auch: Der Wirtschaftsflügel wollte, das geht aus dem Antrag hervor, durchaus Ausnahmen zulassen, beispielsweise mit Blick auf Weiterbildungen, die Pflege Angehöriger und Kindererziehung. Angenommen, man würde das in die Praxis umsetzen – machbar wäre es ohne die Definition von Pflegestufen und Altersgrenzen für Kinder kaum. Die Folge: komplexe Einzelfallentscheidungen und Bürokratie.

Das zeigt, dass der Vorschlag nicht zu Ende gedacht war. Deshalb bin ich froh, dass sich viele Politikerinnen und Politiker aus der Union dagegen positioniert haben.

Zum Beispiel Dennis Radke, der Bundesvorsitzende der CDA. Er sagte, mit dem Vorschlag würde man das „Pferd von der falschen Seite aufzäumen“. Was wäre denn die richtige Seite?

Für mich spielen die Sozialpartnerschaften mit den Gewerkschaften eine tragende Rolle. Die Politik kann grobe Richtlinien vorgeben, aber nachhaltige Entscheidungen, mit denen die Mehrheit zufrieden ist, erreichen wir nur mit dem Dialog zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern.

Außerdem ist die Arbeitszeit nicht alles, was zählt, damit es der Wirtschaft gutgeht. Nach einer gewissen Zeit lässt die Produktivität nach, weil die Konzentration nachlässt – so geht es wahrscheinlich den meisten Menschen. Und es gibt auch Unternehmen, die sagen ganz bewusst: Wir wollen, dass unsere Beschäftigten in Teilzeit arbeiten, um flexibler auf Ausfälle reagieren zu können. Wenn ein Kollege krank wird, kann ein anderer Stunden aufstocken und die Lücke schließen. 

Ebenfalls ein Punkt, den ich unterstreichen möchte: Viele Menschen wollen mehr arbeiten, können es aber nicht, weil die Auftragsbücher es nicht hergeben. Auch das macht den Begriff „Lifestyle-Teilzeit“ so problematisch.

Mit Äußerungen wie „Lifestyle-Teilzeit“ unterstützen wir keine Familien und kein Ehrenamt.

Janik Wiemann

Teilzeitbeschäftigte fühlen sich unter Generalverdacht gestellt, nicht arbeiten zu wollen. Gehen wir noch einmal auf die Lebensrealitäten ein, die dazu führen, dass sich Menschen entscheiden, in Teilzeit zu arbeiten. Welche würden Sie hervorheben?

Die Vielfalt der Gründe ist enorm. Manche pflegen Angehörige, bei anderen steht die Gesundheit einer Vollzeitbeschäftigung entgegen.

Besonders hervorheben möchte ich, dass gerade junge Leute sich weiterbilden möchten und nach einer Ausbildung oft noch ein Studium draufsatteln. Das – und lebenslanges Lernen generell – sollten wir als Gesellschaft unterstützen.

Weiterhin liegt auf der Hand, dass es ohne ehrenamtliches Engagement, im Übrigen eine besondere Stärke unserer Gesellschaft, nicht geht. Ohne Ehrenamtliche wären zum Beispiel die Freiwillige Feuerwehr und das Technische Hilfswerk nicht handlungsfähig. Und das Vereinsleben bringt Menschen zusammen. Auch das braucht seine Zeit.

Nicht zuletzt gilt natürlich, dass viele Mütter und Väter mehr Zeit mit ihren Kindern verbringen möchten. Mit Äußerungen wie „Lifestyle-Teilzeit“ unterstützen wir keine Familien und kein Ehrenamt.

Eine Realität ist auch, dass ein Elternteil zu Hause bleibt, um die Kinderbetreuung zu gewährleisten, weil ein Kitaplatz fehlt. Meist die Frau.

Besonders tragisch ist das, wenn eigentlich beide Elternteile arbeiten müssten, damit das Geld am Monatsende reicht. Auch das ist eine Realität, die ich in der Zeit, in der ich als Erzieher gearbeitet habe, oft wahrgenommen habe.

„Die Wirtschaft muss dem Menschen dienen, nicht der Mensch der Wirtschaft“ – mit diesem Satz beginnt das Positionspapier der Jungen CDA zum Thema „Arbeit und Wirtschaft“. Was folgt daraus?

Unser Leitsatz ist auch: Der Mensch ist wichtiger als die Sache. Daraus folgt: Die Freiheit, selbst zu entscheiden, ob man in Teilzeit gehen möchte, ist ein wichtiges Gut. Politik sollte den Leuten nicht hereinreden, wie viel Raum die Arbeitszeit in ihrem Leben einnehmen soll.

Ein anderes Beispiel: Ein guter Freund von mir renoviert gerade ein Haus. Er hat sich entschieden, zeitlich begrenzt in Teilzeit zu gehen, um die Arbeiten zu stemmen. Auch das ist für mich ein legitimer Grund.

Als Junge CDA teilen wir das Ziel des Wirtschaftsflügels, aber wir stellen uns einen anderen Weg vor, um das Ziel zu erreichen.

Janik Wiemann

Wie tief ist der Graben in der Teilzeitdebatte zwischen den Lagern innerhalb der CDU?

Trotz aller Differenzen möchte ich unterstreichen: Wir als Sozialflügel vertreten genauso wie der Wirtschaftsflügel die Überzeugung, dass es der Wirtschaft gutgehen muss. Denn jeder Euro, den der Staat sozial investiert, muss auch erwirtschaftet werden. Was das betrifft, liegt vor uns noch ein ganzes Stück Arbeit. Aber man darf die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer eben nicht außer Acht lassen. Die Union muss für alle Angebote machen, damit sie ihrem Anspruch als Volkspartei gerecht wird.

Insgesamt würde ich die Frage so beantworten: Als Junge CDA teilen wir das Ziel des Wirtschaftsflügels, aber wir stellen uns einen anderen Weg vor, um das Ziel zu erreichen.

In Deutschland liegt die Teilzeitquote bei mehr als 40 Prozent – ein Rekordwert. Mit dieser Meldung ist das Nürnberger Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) bereits im vergangenen Herbst in die Öffentlichkeit gegangen. Wie sind hohe Teilzeitquoten aus Ihrer Sicht zu bewerten?

Ich tue mich schwer damit, dazu eine allgemeine Aussage zu treffen. Entscheidend ist für mich, wie diese Werte zustande kommen. Auch, wenn das müßig ist, sollte die Politik die Lupe herausholen und sich mit den Betroffenen austauschen. Erst das gibt den nötigen Kontext und ermöglicht eine Bewertung. 

Weil ich selbst als Erzieher gearbeitet habe und mich auch im sozialen Bereich gut auskenne, kann ich sagen: Das sind Bereiche, in denen sich viele Beschäftigte die Frage stellen, ob sie es von der Belastung her stemmen können und die Gesundheit das dauerhaft mitmacht. Der demografische Wandel führt dazu, dass es zunehmend ein Thema wird. Persönlich finde ich es sehr legitim, wenn ältere Kollegen sich entscheiden, ihre Stunden zu reduzieren. Das könnte ein Phänomen sein, das sich in der IAB-Statistik niederschlägt.

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Job und Familie besser vereinbaren: dbb jugend fordert Top-Sharing

„Arbeitnehmende sollen sich ganz grundsätzlich nicht dafür rechtfertigen müssen, warum sie in Teilzeit gehen“, sagt Matthäus Fandrejewski, Vorsitzender der dbb jugend. „Wir sollten eher darüber sprechen, wie wir Teilzeitbeschäftigte, die Care-Arbeit leisten, besser unterstützen. Es fehlen Kitaplätze und Betreuungsangebote für jüngere Schulkinder. Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf lässt oft zu wünschen übrig. Das zwingt vor allem Frauen in Teilzeit, befördert von Fehlanreizen wie dem Ehegattensplitting.“

Beim Ehegattensplitting werden die Einkommen von verheirateten Paaren gemeinsam veranlagt. Je höher der Einkommensunterschied, desto größer der finanzielle Vorteil für das Ehepaar. Die Realität zeigt: In der Regel sind Männer die Hauptverdiener. Wenn die Frau mehr verdient, verringert sich der finanzielle Vorteil. Damit zementiert das System aus Sicht der dbb jugend überkommende Rollenbilder.

Die Folgen haben vor allem Frauen zu tragen, insbesondere im Falle einer Scheidung, beklagt Fandrejewski. Dazu gehörten ein höheres Risiko für Altersarmut, finanzielle Abhängigkeit und schlechtere Karriereoptionen. „Wir setzen uns für flexible Arbeitszeitmodelle ein, darunter das sogenannte Top-Sharing“ – ein Konzept, bei dem sich Beschäftigte Führungspositionen teilen. „Damit lässt sich Karriere und Familienleben besser unter einen Hut bringen!“

Nicht zuletzt warnt der Vorsitzende der dbb jugend davor, wirtschaftliche Produktivität ausschließlich an der Wochenarbeitszeit festzumachen. „Effizienz, Arbeitsabläufe, Digitalisierung, flexible Strukturen und Innovation spielen in meinen Augen eine viel größere Rolle“, betont er.

Interview: cdi