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Ein eingespieltes Team im Topsharing: Nina Gertz und Christina Nickel (rechts) Foto: Stadt Wuppertal
Topsharing Ohne das richtige Match geht es nicht
Beim Topsharing teilen sich Beschäftigte eine Führungsposition. Zwei Frauen aus Wuppertal schildern, wie es funktioniert.
Topsharing auf einen Blick
Wie organisiert man Topsharing?
Was sind wichtige Voraussetzungen, damit Topsharing funktioniert?
Welche Vorteile bietet Topsharing?
Aktuell kann sich Christina Nickel nicht vorstellen, in Vollzeit zu arbeiten. „Ich habe einen siebenjährigen Sohn, für den möchte ich da sein“, sagt sie. „Ohne Topsharing wäre es schwierig, Job und Familie unter einen Hut zu bringen.“
Die Söhne von Nina Gertz sind bereits erwachsen, doch auch sie möchte nicht in Vollzeit arbeiten. „Meine Eltern brauchen Unterstützung, da bin ich sehr eingespannt“, erzählt die 55-Jährige. „Ich bin froh, dass ich trotzdem einen spannenden Beruf ausüben kann.“
Familiäre Verpflichtungen und Führungspositionen müssen sich nicht ausschließen: Bei der Stadt Wuppertal arbeiten aktuell acht amtierende Tandempaare, die sich eine Führungsposition teilen, darunter Nickel und Gertz. Gemeinsam leiten sie den WAW, das ist der Eigenbetrieb Wasser und Abwasser Wuppertal.
Im Kern sorgen die beiden Frauen dafür, dass die Trinkwasserversorgung und Abwasserbeseitigung in der Stadt mit der Schwebebahn funktioniert. Die Stadtwerke erledigen die praktischen Aufgaben, der WAW kümmert sich ums Controlling. Wie viel Trinkwasser ist erforderlich? Wie viel Schmutzwasser fällt voraussichtlich an? Und wie hoch müssen die Trink- und Schmutzwassergebühren ausfallen, um kostendeckend zu arbeiten? Das sind zentrale Fragen, mit denen sich die Betriebsleiterinnen beschäftigen.
Federführend ist der WAW auch beim Aufbau eines Netzes mit Trinkwasserbrunnen im öffentlichen Raum, ergänzt Gertz. „Also überall dort, wo im Sommer Hitzeinseln entstehen und sich viele Menschen aufhalten, zum Beispiel in der Fußgängerzone oder auf Spielplätzen.“
Was ist Topsharing?
Kinderbetreuung, Pflege von Angehörigen, Haushalt – in Deutschland sind es vor allem Frauen, die sich um Care-Arbeit kümmern. 2025 lag der Gender Care Gap bei 43,4 Prozent, schreibt das Bundesfamilienministerium. Heißt: Frauen leisten pro Tag durchschnittlich 43,4 Prozent mehr Care-Arbeit als Männer. Umgerechnet entspricht das 76 Minuten.
Beim Topsharing geht es nicht darum, eine Position doppelt zu besetzen. Das wäre teuer und ineffizient. Jeder hat seinen eigenen Aufgabenbereich.
Nina Gertz und Christina Nickel
Das bleibt nicht folgenlos. Frauen arbeiten häufiger in Teilzeit; allein im öffentlichen Dienst sind mehr als 83 Prozent der Teilzeitbeschäftigten Frauen, geht aus dem aktuellen dbb Monitor hervor. Für die Betroffenen ist es schwieriger, Vermögenswerte und eine ausreichende Alterssicherung aufzubauen. Und oft ist Teilzeit ein Hindernis, wenn es darum geht, Führungsverantwortung zu übernehmen. Viele Frauen stehen vor der Frage: Kind oder Karriere?
Topsharing löst diesen Widerspruch auf. Es handelt sich um ein Arbeitsmodell, bei dem sich zwei Führungskräfte eine Position teilen. So bekommen auch Teilzeitbeschäftigte die Möglichkeit, Verantwortung zu übernehmen und Karriere zu machen.
Wie organisiert man Topsharing?
Christina Nickel ist stellvertretende Betriebsleiterin des WAW, als sie 2018 schwanger wird. Schon damals deutet der damalige Betriebsleiter an, dass er seine Position perspektivisch abgeben möchte. „Wir haben gemeinsam überlegt, wie es nach meiner Babypause weitergehen soll“, erinnert sich die heute 40-Jährige. „Für mich war klar, dass ich gerne weiterhin Verantwortung tragen möchte.“
Zu diesem Zeitpunkt arbeitet Nina Gertz noch im Rechtsamt der Stadt Wuppertal – in Teilzeit, um für ihre Söhne da zu sein. „Christina hat mich gefragt, ob ich ihre Elternzeitvertretung übernehme“, erzählt Gertz. „Ich fand die Position spannend und habe zugesagt.“
Die Dinge kommen ins Rollen, nach Nickels Rückkehr wollen sich die beiden Frauen die Betriebsleitung teilen. Sie tauschen sich mit zwei Kolleginnen aus, die bei der Stadt Augsburg beschäftigt sind und bereits Erfahrungen mit dem Topsharing gesammelt haben. Den Kontakt hat die Personalabteilung hergestellt. „Der Austausch war für uns extrem wertvoll“, resümiert Nickel. „Wir haben viele wertvolle Tipps für die Praxis bekommen.“
Unter anderem betonen die Augsburgerinnen, wie wichtig eine einheitliche Linie ist. Es bestehe die Gefahr, dass sich die Beschäftigten immer an die Führungskraft wenden, von der sie sich eher eine Antwort erhoffen, die den eigenen Vorstellungen und Wünschen entspricht. Gertz: „Das muss gar nicht böse gemeint sein, irgendwie ist es auch menschlich. Aber wir haben vor dem Hintergrund beschlossen, die Personalverantwortung aufzuteilen, sodass die Situation gar nicht erst entstehen kann.“
Wer für wen der insgesamt acht Beschäftigten im Team zuständig ist, das gehört entsprechend zu den Dingen, die Nickel und Gertz in ihr Konzept schreiben, das sie mit der Personalabteilung abstimmen. Außerdem legen sie die fachlichen Zuständigkeiten fest: Nickel übernimmt die Finanzverwaltung und alles, was mit Ab- und Schmutzwasser zu tun hat; Gertz kümmert sich federführend um das Trinkwasser. Wichtig ist den beiden: „Beim Topsharing geht es nicht darum, eine Position doppelt zu besetzen. Das wäre teuer und ineffizient. Jeder hat seinen eigenen Aufgabenbereich.“
Nicht zuletzt teilen die Betriebsleiterinnen die verfügbaren 1,5 Stellenäquivalente unter sich auf. Maßgeblich ist, wie lange die zu erledigenden Aufgaben dauern – und natürlich, wer wie viele Stunden pro Wochen arbeiten möchte. „Wir haben ein paar Stunden als Puffer gelassen“, berichtet Gertz. „So konnte ich meine Wochenarbeitszeit nachträglich erhöhen. Je älter die Kinder, desto mehr Kapazitäten bleiben für den Job.“
Die Wellenlänge muss stimmen, man sollte ein ähnliches Führungsverständnis haben und sich sympathisch sein.
Nina Gertz
Was sind wichtige Voraussetzungen, damit Topsharing funktioniert?
Alles steht und fällt mit dem passenden Tandem: Ohne das richtige Match geht es nicht – da sind sich die beiden Wuppertalerinnen einig.
„Die Wellenlänge muss stimmen, man sollte ein ähnliches Führungsverständnis haben und sich sympathisch sein“, sagt Gertz. Nickel ergänzt: „Konkurrenzdenken, etwas für sich allein an Land ziehen wollen oder Ellenbogenmentalität gehen auf gar keinen Fall. Man muss an einem Strang ziehen, Loyalität ist wichtig.“
Entscheidend ist auch gute Kommunikation, insbesondere die Fähigkeit, sich abzustimmen – zum einen persönlich: Jeden Donnerstag sind die Betriebsleiterinnen im Büro, das ist fest vereinbart. Und zum anderen digital: Dazu gehört, sich bei E-Mails lieber einmal zu viel als zu wenig in cc zu setzen, damit die jeweils andere Person im Bilde ist.
Gertz unterstreicht nicht zuletzt die Bedeutung eines transparenten Umgangs. „Wir haben einander versprochen, dass wir die andere umgehend informieren, wenn jemand von uns mit einer anderen Stelle liebäugeln sollte“, sagt sie. Dasselbe gilt, wenn der Wunsch besteht, wieder in Vollzeit zu arbeiten.
Es ist gut zu wissen, dass Nina immer einspringen und ich darauf vertrauen kann, dass nichts anbrennt.
Christina Nickel
Worauf es aus Sicht der Arbeitgeberin, der Stadt Wuppertal, ankommt? „Eine gute Begleitung der amtierenden Tandems ist unerlässlich“, erklärt ein Sprecher auf Anfrage von #staatklar. Die Personalabteilung biete entsprechende Beratungen an – im Übrigen auch für alle, die überlegen, das Topsharing in Anspruch zu nehmen.
Zentral ist, dass die Tandempaare wesentliche Absprachen in einer Absichtserklärung festhalten, so der Sprecher weiter. Dazu gehören die Personalverantwortung, Wochenarbeitszeit und Aufgabenaufteilung. Natürlich handele es sich dabei um einen „fortlaufenden Prozess“. Heißt: Anpassungen sind jederzeit möglich, sofern neue Absprachen erforderlich sind.
Welche Vorteile bietet Topsharing?
Eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben, weniger Benachteiligung bei Karrierechancen für alle, die lediglich in Teilzeit arbeiten wollen oder können – dies sind die zentralen Vorteile.
Nina Gertz schätzt es darüber hinaus sehr, eine Vertraute in derselben Position an ihrer Seite zu haben, mit der sie sich austauschen kann. „Das ist sehr hilfreich, wenn schwierige Entscheidungen anstehen.“ Für Christina Nickel ist die unkomplizierte Vertretung ein großes Plus, etwa bei Urlaub, Krankheit oder familiären Verpflichtungen: „Klar, wir haben verschiedene Aufgabenbereiche, sind aber immer im Bilde. Es ist gut zu wissen, dass Nina immer einspringen und ich darauf vertrauen kann, dass nichts anbrennt.“
Aus Sicht der dbb jugend ist das Topsharing ein geeignetes Instrument, um die Geschlechtergerechtigkeit zu fördern und die Attraktivität des öffentlichen Dienstes als Arbeitgeber zu stärken. Städte und Kommunen sehen sich aktuell mit Fachkräftemangel konfrontiert, auch auf den Führungsebenen – an allen Ecken und Enden fehlt Personal. Bundesweit wären in den Kommunalverwaltungen mehr als 108.000 weitere Beschäftigte erforderlich, um allen Aufgaben gerecht zu werden. Das geht aus einer Erhebung des dbb hervor. Die Lage wird sich in den kommenden Jahren weiter zuspitzen, weil zahlreiche Beschäftigte altersbedingt in den Ruhestand gehen.
Mehr entdecken: „Wir dürfen nicht in alten Rollenbildern verharren“
Die Stadt Wuppertal sieht – auch vor diesem Hintergrund – im Topsharing einen Innovationsbooster, der Mehrwerte für Arbeitgebende und Führungskräfte bietet. Das Thema „Frauen in Führung“ habe die Verwaltung bereits im Konzept „Potenziale von Frauen als Chance im demografischen Wandel“ verankert und entwickle es fortlaufend weiter, schreibt die Pressestelle auf Anfrage von #staatklar. Genutzt werde Topsharing auch, um die Nachfolgeplanung zu erleichtern. Ältere Kolleg*innen bilden mit jüngeren ein altersdiverses Tandem, was die Einarbeitung und die Weitergabe von Fachwissen erleichtert.
Übrigens: In Wuppertal nutzen auch mehrere Männer das Topsharing. „Das ist auch ausdrücklich gewünscht“, so der Sprecher.
Text: Christoph Dierking