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InterviewAlle, die Kinder haben und eine Ausbildung machen, profitieren davon, wenn sich die Ausbildung auch in Teilzeit absolvieren lässt. Es ist skandalös, wenn diese Option nicht besteht, betont Daria Abramov im Interview. Foto: Alex Habenicht
Job und Care-Arbeit Abramov: „Dürfen nicht in alten Rollenbildern verharren“
Mehr als 80 Prozent der Teilzeitbeschäftigten im öffentlichen Dienst sind Frauen. Dieser Anteil zeigt, dass sich in der Gesellschaft noch viel ändern muss, sagt Daria Abramov, 1. stellvertretende Vorsitzende der dbb jugend.
März 2026, Kongress der dbb bundesfrauenvertretung in Berlin: Auch die dbb jugend ist vor Ort gewesen und hat einen Antrag eingebracht. Das Ziel: dienstliche Regelungen voranbringen, die junge Beschäftigte im öffentlichen Dienst betreffen. In der Ausbildung braucht es mehr Flexibilität, etwa durch Optionen, in Teilzeit oder mobil zu arbeiten, so die Überzeugung der dbb jugend. Ebenfalls wichtig: Der Staat muss anerkennen, dass Care-Arbeit ein fester Bestandteil der Lebensrealität vieler Beschäftigter ist, darunter insbesondere Frauen.
Der Antrag wurde angenommen. #staatklar hat mit Daria Abramov, 1. stellvertretende Vorsitzende der dbb jugend, über die Hintergründe gesprochen.
#staatklar: Frau Abramov, nach der Schule folgen Ausbildung oder Studium, dann die ersten Berufsjahre, möglicherweise die Gründung einer Familie. Die Pflege von Angehörigen wird – wenn überhaupt – erst in der zweiten Lebenshälfte ein Thema. Dieses Muster entspricht wohl kaum der Realität.
Daria Abramov: Nein, absolut nicht! Es gibt auch viele junge Menschen, die Angehörige pflegen. Manche bekommen während der Ausbildungszeit Nachwuchs. Und manche orientieren sich beruflich neu und absolvieren später eine weitere Ausbildung, parallel zum Familienleben.
Der Punkt ist: Der öffentliche Dienst muss den Lebensrealitäten von allen Beschäftigten gerecht werden. Denn das Leben verläuft eben nicht immer nach Schema F.
Was muss sich ändern?
Alle, die Kinder haben und eine Ausbildung machen, profitieren davon, wenn sich die Ausbildung auch in Teilzeit absolvieren lässt. Es ist skandalös, wenn diese Option nicht besteht und junge Mütter ihre Ausbildung abbrechen müssen. Davon hat niemand etwas. Der Staat kann es sich angesichts des Personalmangels nicht leisten, auf starren Regelungen zu beharren und auf potenzielle Fachkräfte zu verzichten. Wir dürfen uns nicht selbst Steine in den Weg legen!
Auch das Potenzial von Menschen, die Verantwortung übernehmen wollen und Führungsqualitäten mitbringen, darf der Staat nicht verschenken. Es braucht Optionen, in Teilzeit zu führen. Deshalb fordern wir als dbb jugend schon lange das sogenannte Top-Sharing, bei dem sich zwei Personen eine Führungsposition teilen. Es gibt bereits Ämter, in denen das die gängige Praxis ist. Das funktioniert ausgezeichnet.
Frauen bekommen Jobs oft nicht, obwohl sie gut sind. Deshalb bin ich heute eine Befürworterin der Quote.
Daria Abramov
Wo stehen wir denn gerade, wenn es darum geht, Job und Care-Arbeit zu vereinen?
Es ist viel passiert, aber am Ziel sind wir noch lange nicht. Gut ist, dass viele Städte, Kommunen und Behörden die Notwendigkeit erkannt haben und sich um Flexibilität bemühen. Das ist zumindest meine Wahrnehmung. Problematisch ist hingegen: Zu viele kochen ihr eigenes Süppchen. Einige Arbeitgeber sind sehr fortschrittlich unterwegs, andere eher nicht. Dabei muss niemand das Rad neu erfinden. Wenn etwas in der einen Behörde funktioniert, klappt es sehr wahrscheinlich auch in der anderen.
Wichtig ist, dass wir den Austausch fördern. Konkurrenzdenken ist absolut fehl am Platz. Es liegt im Interesse des öffentlichen Dienstes, wenn sich alle gegenseitig unterstützen.
Mehr als 80 Prozent der Teilzeitbeschäftigten im öffentlichen Dienst sind Frauen. Das geht aus dem aktuellen dbb Monitor hervor. Was sagt das über die Gesellschaft aus?
Na ja, ich sage es mal so: Wenn ein Kind auf die Welt kommt, bleibt oftmals die Mutter zu Hause. Wenn Angehörige auf Pflege angewiesen sind, kümmern sich meistens die Frauen. Leider ist das in zu vielen Fällen noch die Realität. Wir dürfen nicht weiter in den alten Rollenbildern verharren.
Deshalb bin ich froh, dass die Abschaffung des Ehegattensplittings es auf die politische Tagesordnung geschafft hat. Die Umsetzung wäre ein längst überfälliger Schritt hin zu mehr Gleichberechtigung. Ich hoffe sehr, dass es dazu kommt.
Beim Ehegattensplitting werden die Einkommen von verheirateten Paaren gemeinsam veranlagt. Je höher der Einkommensunterschied, desto größer der finanzielle Vorteil für das Ehepaar. Die Realität zeigt: In der Regel sind Männer die Hauptverdiener. Wenn die Frau mehr verdient, verringert sich der finanzielle Vorteil. Damit zementiert das System aus Sicht der dbb jugend überkommende Rollenbilder.
Welche Auswirkungen hat Teilzeitbeschäftigung für Frauen?
Zunächst ist mir wichtig: Es gibt Fälle, in denen sich Frauen bewusst entscheiden, in Teilzeit zu arbeiten, weil es zum eigenen Lebensentwurf passt. Diese Option muss weiterhin bestehen.
Entscheidend ist, dass wir die Situation derer verbessern, die von den bestehenden Strukturen – darunter das Ehegattensplitting – gezwungen werden, auf die eigene Karriere zu verzichten. Dazu gehört auch, das Angebot für die Kinderbetreuung auszubauen. Fakt ist: Teilzeit bedeutet geringere Karrierechancen. Und Teilzeit bedeutet eine geringere Rente. Deshalb brauchen wir mehr Top-Sharing, damit Karrierewege auch nach einer Kinderpause noch offenstehen.
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In Behörden und Unternehmen sind Frauen in Führungspositionen unterrepräsentiert. Im Bundestag liegt der Frauenanteil bei etwa einem Drittel. Brauchen wir eine Quote, um Parität zu erreichen?
Früher habe ich immer gesagt: Ich möchte keine Quotenfrau sein. Ich will einen Job nicht bloß bekommen, weil ich eine Frau bin, sondern weil ich gut bin. Das sehe ich inzwischen anders, weil die Erfahrung zeigt: Frauen bekommen Jobs oft nicht, obwohl sie gut sind. Deshalb bin ich heute eine Befürworterin der Quote.
Interview: cdi