• Foto zum Thema "wie wird man Phantombildzeichner*in": Zu sehen ist Vanessa, die bei der Polizei Berlin als Phantombildzeichnerin arbeitet, vor dem Präsidium.
    Jobkompass
    Vanessa ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im Kriminaltechnischen Institut der Polizei Berlin und erstellt Phantombilder. Foto: cdi

Wie wird man Phantombildzeichner*in? Dem Verbrechen ein Gesicht geben

Vanessa ist Phantombildzeichnerin bei der Polizei Berlin. Im Idealfall lassen sich Straftaten mithilfe ihrer Bilder aufklären.

Zum FAQ: Wie wird man Phantombildzeichner*in?

Berlin, eine Nacht im Sommer 2025, ein Unbekannter greift eine junge Frau mit einem Messer an. Ihre Mutter beobachtet die Tat, schreitet ein und reißt den Mann weg. Beide Frauen werden schwer verletzt. Der Unbekannte flüchtet.

Nur wenige Tage später sitzt Vanessa Schwanke im Krankenhaus am Bett der jungen Frau. Die Mordkommission ermittelt in alle Richtungen, um den Täter zu finden – ein Phantombild soll helfen. Die Frau wählt Vorlagen aus einer digitalen Sammlung, die Augen, Nasen und Münder, aber auch Kopfformen, Stirn- und Lachfalten umfasst; alle Vorlagen sind in schwarz-weiß gezeichnet. Konzentriert folgt Vanessa den Beschreibungen und passt die Details an, die sich ins Gedächtnis der Frau gebrannt haben. Nach und nach entsteht auf dem Computerbildschirm ein Bild vom Täter. 

Auch eine Kollegin ist im Raum. „Wir müssen natürlich immer im Blick haben, wie es den Geschädigten geht“, sagt Vanessa. „Sie entscheiden über das Tempo, ob sie Pausen brauchen, und können jederzeit abbrechen.“ Meistens dauert die Phantombilderstellung etwa eine bis eineinhalb Stunden. In diesem Fall geht es deutlich schneller.

Die geschädigten Personen erfahren Selbstwirksamkeit, wenn sie etwas zu den Ermittlungen beitragen können. Das hilft bei der emotionalen Bewältigung.

Vanessa

Genau genommen ist die Phantombilderstellung nur ein Teil ihres Jobs. Hauptamtlich ist Vanessa wissenschaftliche Mitarbeiterin im Kriminaltechnischen Institut der Polizei Berlin und kümmert sich um die Spurenauswertung. „Alle, die bei uns Phantombilder erstellen, machen das im Nebenamt“, erzählt die 31-Jährige. 

In der Hauptstadt ist die Phantombilderstellung bei der Kriminaltechnik angesiedelt. Zum Team gehören unter anderem eine Tatortvermesserin und ein Daktyloskop, also ein Experte für Fingerabdrücke. Grundsätzlich regelt jedes Bundesland die Phantombilderstellung anders: In Baden-Württemberg etwa sind dafür auch Polizeibeamt*innen in Uniform zuständig, direkt in den Dienststellen. Anderswo sind zentrale Dienste bei den Landeskriminalämtern dafür verantwortlich.

Der Traum von der DNA-Forensik

Nach dem Abitur stehen Vanessa viele Wege offen. Sie zieht unter anderem den Polizeivollzugsdienst in Betracht, doch entscheidet sich schließlich für ein Biologie-Studium und entdeckt ihre Faszination für Genetik. Während des Studiums sammelt sie viele Erfahrungen in einer evolutionsgenetischen Forschungsgruppe. „Mein Traum war es, irgendwann in der DNA-Forensik zu arbeiten.“ 

Nach dem erfolgreichen Abschluss bietet sich Vanessa die Gelegenheit, die Arbeit in einer Behörde auf Bezirksebene kennenzulernen, mitzugestalten und zu prägen. Sie nutzt die Gelegenheit. Klar war jedoch immer, dass ihr Herz für die Naturwissenschaften schlägt und ihr Weg sie auch wieder dorthin zurückführen sollte.

2023 ist es so weit. Die Polizei Berlin schreibt Stellen aus, gesucht: Biologinnen und Biologen für das Kriminaltechnische Institut. „So bin ich doch noch zur Polizei gekommen“, erzählt Vanessa, die aktuell die Ausbildung zur Sachverständigen für forensische DNA-Analytik durchläuft. Auch dieser Traum wird wahr.

Je größer die Gefahr, desto besser das Phantombild

Eine standardisierte Ausbildung gibt es nicht, Lehrgänge vermitteln das erforderliche Wissen. Vanessa lernt, dass Phantombilder in Berlin in schwarz-weiß erstellt werden, weil sie so mehr Raum für Assoziationen bieten. Dass das Gehirn in Gefahrensituationen besonders viele Details speichert – es fällt beispielsweise deutlich schwerer, Menschen zu beschreiben, die einem emotional näherstehen. Und dass sie bei der Erstellung keine Suggestivfragen stellen darf. Tabu ist: „War der Bart nicht etwas länger?“ Erlaubt ist: „Wie sah der Bart aus?“ Oder: „Können Sie den Bart genauer beschreiben?“

Ihr Wissen frischt die Phantombildzeichnerin regelmäßig auf, unter anderem auf Tagungen. Zuletzt standen die Möglichkeiten von Künstlicher Intelligenz im Fokus. Die Technik kann in der Software unterstützen, indem sie zum Beispiel Gesichtsproportionen automatisch angleicht. Aber aktuell kann sie die Arbeit mit den Vorlagen nicht ersetzen. Es scheitert daran, dass sich Bilder im Kopf nur sehr schwierig in Worte fassen lassen. Der Mensch braucht immer den konkreten Vergleich. Künstliche Intelligenz hingegen erfordert möglichst genaue Beschreibungen.

Welche Eigenschaften für den Job wichtig sind? „Ganz oben steht natürlich Empathie“ – hilfreich sind auch ein gutes Gefühl für Fotografie, Bildbearbeitung und die Wirkung von Licht und Schatten. „Da die Phantombilderstellung digital erfolgt, muss man nicht perfekt zeichnen können, das kann ich auch nicht“, ergänzt Vanessa und lacht. Ebenfalls nicht unerheblich: psychische Belastbarkeit. Es ist zwar nicht erforderlich, alle Details eines Verbrechens zu kennen – aber eben ausreichend, um sich in die Situation hineinzudenken. Denn Informationen zur Perspektive, ob es hell oder dunkel war, sind für die Phantombilderstellung wichtig.

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Polizei kann Täter fassen

Zurück zu den Ereignissen im Sommer 2025. Auch mit der Mutter erstellt die Polizei im Krankenhaus ein Phantombild des Angreifers. Dieses Vorgehen ist üblich, wenn es mehrere Zeuginnen und Zeugen gibt. Die fertigen Phantombilder gehen an die Dienststellen – die Ermittelnden entscheiden, wie sie damit weiter verfahren. Im konkreten Fall gehen die Phantombilder auch an die Öffentlichkeit.

Die Fahndung ist erfolgreich. Die Polizei fasst einen 18-Jährigen. 

Inzwischen hat ein Gericht dessen Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus angeordnet. Gehandelt habe er aus Mordlust, sagte die Vorsitzende Richterin bei der Urteilsverkündung. Die junge Frau und ihre Mutter waren Zufallsopfer.

Wenn Phantombilder dazu beitragen, Verbrechen aufzuklären, ist das natürlich sehr erfüllend. Aber für Vanessa gibt es noch einen wichtigen Punkt: „Die geschädigten Personen erfahren Selbstwirksamkeit, wenn sie etwas zu den Ermittlungen beitragen können. Das hilft bei der emotionalen Bewältigung.“

Text: Christoph Dierking

FAQ: Wie wird man Phantombildzeichner*in?

Welche Voraussetzungen muss ich mitbringen?

Es handelt sich nicht um einen klassischen Ausbildungsberuf, sondern um eine Weiterbildung innerhalb der Polizeibehörden. Entsprechen ist formal kein bestimmter Schulabschluss erforderlich.

Wie lange dauert der Lehrgang?

Der Lehrgang, der angehenden Phantombildzeichner*innen die Grundlagen vermittelt, dauert in der Regel zwei Wochen. Im Anschluss folgt eine intensive Übungsphase, um die erlernten Fähigkeiten in der Nutzung der verwendeten Programme zu festigen und den Umgang mit den geschädigten Personen zu trainieren. In verschiedenen Übungsszenarien werden die unterschiedlichsten Situationen nachgestellt. Nach etwa sechs bis zwölf Monaten kann es dann zur Anwendung im Echtfall kommen – immer in Zusammenarbeit mit einer weiteren, erfahrenen Kollegin oder einem Kollegen. Es finden fortlaufend regelmäßig Weiterbildungen statt.

Was sind zentrale Ausbildungsinhalte?

Auf dem Lehrplan stehen unter anderem der Umgang mit Zeugen, Fragetechniken und Psychologie, außerdem Anatomie und der Umgang mit der Software. Geübt wird mitunter in Rollenspielen.

Wo finden die Ausbildung statt?

Die Lehrgänge finden dezentral bei Sicherheitsbehörden in ganz Deutschland statt.

Was verdiene ich?

Die Phantombilderstellung wird in der Regel nicht extra vergütet. Die Bezahlung richtet sich nach dem ausgeübten Beruf.

Welche Karriereoptionen habe ich?

Abhängig von der Behörde, bei der man angestellt ist, besteht gegebenenfalls die Möglichkeit, als Dozent*in zu arbeiten und Wissen über die Phantombilderstellung weiterzugeben.

Wo finde ich weitere Informationen?

Einen Einblick in die Phantombilderstellung bietet unter anderem die Polizei Brandenburg.