-
JobkompassAus Sicherheitsgründen möchte er sein Gesicht nicht in der Öffentlichkeit zeigen: Kevin ist Entschärfer beim LKA Niedersachsen. Foto: LKA Niedersachsen
Wie wird man Entschärfer*in? Unkontrollierte Explosionen verhindern
Kevin ist Entschärfer beim LKA Niedersachsen. Im Einsatz muss er mit allem rechnen. Denn Fehler haben im Extremfall für alle Beteiligten fatale Folgen.
Zum FAQ: Wie wird man Entschärfer*in?
Psychischer Ausnahmezustand, eine Frau hat ein Manifest geschrieben und droht damit, das Haus in die Luft zu sprengen. Im Keller finden die Einsatzkräfte Sprengvorrichtungen, überall hängen Gebinde mit chemischen Substanzen und Pyrotechnik, hinter einem Verschlag eine Hanfplantage. Eine Messie-Wohnung. Die Lage ist unübersichtlich. „Sich durch das Chaos durchzuarbeiten, das sah zunächst schon nach einer Herausforderung aus“, erinnert sich Kevin. „Aber im Endeffekt war es technisch unmöglich, dass etwas explodiert.“ Aufatmen, Entwarnung.
Der Fall war sein erster Einsatz für das Landeskriminalamt in Niedersachsen. Kevin ist Entschärfer für USBV und Sachverständiger für Explosivstoffe. USBV steht für Unkonventionelle Spreng- und Brandvorrichtungen. Aus Sicherheitsgründen möchte der 38-Jährige sein Gesicht nicht in der Öffentlichkeit zeigen. „Ich fühle mich damit besser, wenn ich nicht allzu viel von mir preisgebe“, sagt er. Denn seine Kompetenzen sind gefragt, sobald Straftaten im Raum stehen. Und die können auch mit der organisierten Kriminalität oder Terrorismus in Zusammenhang stehen.
Entschärfer*innen haben ganz unterschiedliche Hintergründe: Einige kommen direkt aus dem Polizeidienst. Andere haben zuvor im zivilen Bereich eine sprengtechnische Ausbildung durchlaufen. Im Staatsdienst ist allen gemeinsam, dass sie das erforderliche Know-how über Lehrgänge erwerben. Diese finden bei der Entschärferschule der Bundespolizei in Fuldatal und auf Übungsplätzen in ganz Deutschland statt.
Letztlich läuft es immer auf die Frage hinaus, worauf man am Ende seines Berufslebens zurückblicken möchte.
Kevin über seine Berufswahl
Kevin hat bereits als Kampfmittelbeseitiger für die Bundeswehr gearbeitet. Nach einem Studium des Umweltingenieurwesens stellt er fest: Sein „absolutes Interesse“, wie er sagt, gilt dem Entschärfen. „Mich fasziniert die Mischung aus technischem Verständnis und Naturwissenschaften. Letztlich läuft es immer auf die Frage hinaus, worauf man am Ende seines Berufslebens zurückblicken möchte.“
In seinem Fall ist die Antwort klar. Deshalb bewirbt er sich beim Landeskriminalamt – und bekommt den Zuschlag. Fortan ist ganz Niedersachsen sein Einsatzgebiet: „Neulich mussten Kollegen von Hannover aus ganz nach Norderney, auf die Insel.“ Das dauert seine Zeit. Wenn die Lage akut ist, kommen Spezialkräfte zum Einsatz, die eigene Entschärfer*innen im Team haben.
Inwieweit Kevin von seiner Zeit bei der Bundeswehr profitiert? Schnittmengen gibt es durchaus, sagt er. Der Aufbau von Sprengvorrichtungen folgt immer ähnlichen Prinzipien. Was beim LKA hingegen neu ist: „Man muss unfassbar viele Aspekte mitdenken“ – besonders im urbanen Raum. Hier ist der Schutz von Personen und Infrastruktur besonders wichtig. Auch Sekundärgefahren sind kritisch, etwa durch am Einsatzort verlaufene Leitungen. Gasexplosionen können schlimmstenfalls ein Inferno verursachen.
Was sind mögliche Einsatzszenarien?
Um gleich ein verbreitetes Missverständnis auszuräumen: Mit dem Entschärfen von Weltkriegsbomben, die mitunter den Betrieb auf Baustellen stören, hat das LKA nichts zu tun. Dafür ist der Kampfmittelräumdienst zuständig. Kevin und seine Kollegen werden erst aktiv, wenn der Verdacht einer Straftat im Raum steht, zum Beispiel ein Verstoß gegen das Kriegswaffenkontrollgesetz – dieser liegt vor, wenn jemand Granaten oder Munition im Keller sammelt. „Wir stufen die Kampfmittel ein, konfiszieren und begutachten sie und dann geht es nach der Freigabe durch die Staatsanwaltschaft in die Vernichtung“, erklärt der Entschärfer. Dasselbe gilt für illegale Pyrotechnik, die vor allem zum Jahreswechsel in den Fokus rückt. „Man kann schon sagen, dass viele Leute Silvester als Freifahrtschein nutzen.“ Entsprechend kommt es zum Jahreswechsel zu einer spürbaren Arbeitsverdichtung.
Doch es gibt Einsatzszenarien, welche die tägliche Arbeit unabhängig von der Jahreszeit prägen. Das LKA überprüft Gebäude auf Sprengfallen, wenn sich politische Prominenz ankündigt, zum Beispiel der Bundeskanzler. Bei herrenlosen Gepäckstücken gilt es, der Lage mit dem nötigen Ernst zu begegnen und zugleich die Verhältnismäßigkeit zu wahren. Ebenfalls ein Thema: gesprengte Geld- oder Fahrkartenautomaten. Entschärfer*innen prüfen, ob nach der eigentlichen Tat noch Explosionsgefahr besteht, weil möglicherweise nicht der gesamte Sprengstoff detoniert ist, und unterstützen die Kriminaltechnik bei der Spurensicherung.
Hin und wieder führen auch Meldepflichten, denen Online-Händler nachkommen müssen, zu Einsätzen: Wer auffällige Mengen an Chemikalien bestellt, aus denen sich potenziell Bomben bauen lassen, bekommt Besuch von der Polizei. „Neulich mussten wir los, weil ein Minderjähriger verdächtige Substanzen bestellt hatte. Die Eltern wussten davon nichts und waren natürlich nicht sonderlich amused.“
Wie gehen Entschärfer*innen vor?
Ziel ist immer das – so der Fachjargon – Delaborieren von unkonventionellen Spreng- und Brandvorrichtungen zur Gefahrenabwehr. Heißt: die Vorrichtung kontrolliert in ihre Einzelteile zu zerlegen und unschädlich zu machen. Wenn das nicht möglich ist, versuchen die Entschärfer, die Transportfähigkeit herzustellen. Und wenn das scheitert, kann auch die kontrollierte Sprengung vor Ort eine Option sein. Dann tragen Sandsäcke, Wassercontainer oder Erdlöcher dazu bei, die Kollateralschäden möglichst gering zu halten.
Das grundsätzliche Problem: „In den allermeisten Fällen ist die Informationslage am Anfang sehr dürftig“, erzählt der LKA-Mitarbeiter. Während sich die Polizei um die Fremdsicherung kümmert, evakuiert und absperrt, dreht es sich bei den Entschärfern vor allem um die Eigensicherung. Zunächst prüfen sie, ob sich die Lage mit Hilfe von technischem Equipment, wie beispielsweise dem ferngelenkten Roboter oder einer Drohne, auflösen lässt. Das ist das sogenannte abstandsfähige Arbeiten. „Manchmal kommen wir jedoch mit der Technik nicht weiter, der erste Mann geht persönlich vor und der Bombenschutzanzug kommt zum Einsatz.“
Dabei ist die Arbeitsaufteilung klar geregelt. Der „erste Mann“ steigt in den Schutzanzug. Dieser wiegt etwa 45 Kilogramm, lässt sich nur mit Unterstützung bequem anlegen und erinnert optisch an den Anzug eines Tiefseetauchers. „Allerdings ist er nicht wasserdicht. Und ins Wasser will ich damit auch nicht steigen, damit kommt man nie wieder hoch.“
Im Film geht es oft um die Frage, welchen Draht man durchschneiden muss. Es ist nicht immer der rote!
Kevin
Der „zweite Mann“ steht mit seinem Kollegen über Funk permanent im Austausch. Er hat die Gesamtlage im Blick, stellt Werkzeuge und Arbeitsgeräte bereit – und ist sofort zur Stelle, um Hilfe zu leisten, wenn es die Situation erfordert. Über die konkreten Strategien bei einer Entschärfung hält sich Kevin bedeckt. Nur so viel: „Im Film geht es oft um die Frage, welchen Draht man durchschneiden muss. Es ist nicht immer der rote!“
Welche Charaktereigenschaften für den Job wichtig sind? Vor allem Anpassungsfähigkeit und Reflexionsvermögen, betont Kevin. Dass Entschärfer*innen in Situationen geraten, die sich nicht planen lassen und emotional belasten, versteht sich von selbst. Überstunden, Bereitschaftsdienste und Nachtarbeit erfordern Resilienz. Wichtig sind auch das Bewusstsein dafür, dass man in dem Beruf gegebenenfalls die eigene Gesundheit aufs Spiel setzt, und der Wille, sich regelmäßig weiterzubilden. Nur so bleibt man im Ernstfall handlungsfähig.
Mehr entdecken: FAQ für Tarifbeschäftigte im öffentlichen Dienst
Handlungsfähigkeit herstellen – das ist auch das Ziel, wenn der Entschärfer sein Wissen an Polizeikräfte weitergibt. Oft liefert er Ersteinschätzungen auf der Grundlage von Fotos, die Polizeikräfte vom Einsatzort übermitteln. Und manchmal gibt er Seminare, um Basiswissen weiterzugeben: „Da geht es vor allem ums Sensibilisieren. Wer jeden Tag mit Betäubungsmitteln zu tun hat, sollte trotzdem in der Lage sein, Drogen von Sprengstoff zu unterscheiden. Das ist mitunter gar nicht so einfach, auf den ersten Blick ist beides erst einmal Pulver.“
Text: cdi
FAQ: Wie wird man Entschärfer*in?
Welche Voraussetzungen muss ich für die Ausbildung mitbringen?
Entschärfer*in ist kein klassischer Ausbildungsberuf. Polizei- und Sicherheitsbehörden bilden ihr eigenes Personal zu Entschärfer*innen und Sachverständigen für Explosivstoffe weiter.
Aber auch Externe werden eingestellt: Gute Karten hat, wer bereits in der Kampfmittelbeseitigung der Bundeswehr gearbeitet oder ein naturwissenschaftliches Studium in Verbindung mit einer pyrotechnischen Ausbildung absolviert hat.
Wie lange dauert die Ausbildung?
Die Lehrgänge dauern insgesamt 19 Wochen.
Wo findet die Ausbildung statt?
Die Lehrgänge finden bundesweit statt: bei der Entschärferschule der Bundespolizei in Fuldatal, in Polizeidienststellen der Länder und auf Übungsplätzen der Bundeswehr.
Was sind zentrale Ausbildungsinhalte?
Auf dem Lehrplan stehen Chemie, Physik und Sprengstoffkunde. Letztere umfasst Wissen über gewerbliche, militärische und selbst hergestellte Explosivstoffe sowie Pyrotechnik.
Weitere Ausbildungsinhalte sind das Erkennen von Auslösemechanismen, die Spurensicherung an Explosionsorten und die Bedienung der Einsatztechnik, darunter Roboter und Röntgengeräte. Ebenfalls nicht unerheblich: die mentale Vorbereitung auf Extremsituationen, um im Ernstfall einen kühlen Kopf zu bewahren.
Bei der Bundespolizei verteilen sich die Inhalte auf drei Module: Basisbefähigung, Aufbaubefähigung und Spezialisierung.
Was verdient man als Entschärfer*in?
Tarifbeschäftigte starten in der Regel in der Entgeltgruppe 9b (TV-L / TVöD + Zulagen).
Aktuelle Entgelttabellen veröffentlicht der dbb beamtenbund und tarifunion.
Welche Karrierechancen bieten sich nach den Lehrgängen?
Üblich ist, sich auf einen Bereich zu spezialisieren, der den eigenen Interessen am meisten entspricht – zum Beispiel auf Drohnen- oder Röntgentechnik.
Wo finde ich weitere Informationen?
Weitere Informationen und ein Video findest du auf der Website der Bundespolizei.