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Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern „Mit 36 Jahren war ich die jüngste CDU-Kandidatin“

Karoline Herrmann, ehemalige Vorsitzende der dbb jugend, hat in Mecklenburg-Vorpommern für den Landtag kandidiert. Im Interview spricht sie über die Ursachen für das Wahldebakel ihrer Partei.

Am Ende fehlten etwas mehr als 1.000 Stimmen, um den Einzug in den Landtag zu schaffen, sagt Karoline Herrmann. Die CDU-Politikerin hat in Mecklenburg-Vorpommern für den Wahlkreis Ludwigslust-Parchim III kandidiert. Den Wahlabend verfolgte sie zu Hause, gemeinsam mit ihren Unterstützerinnen und Unterstützern. „Ich bin nicht rausgeflogen, sondern nur nicht reingekommen, das war bei den Umfragen zu erwarten“, erzählt die Verwaltungsbeamtin. „Aber dass die CDU aus dem Landtag fliegt – damit habe ich nicht gerechnet.“

Nach der Elternzeit kehrt Herrmann im April ins Innenministerium zurück, wo sie in der Koordinierungsstelle für Bundesratsangelegenheiten und die Innenministerkonferenz beschäftigt ist. Der Landespolitik bleibt sie trotz Wahlniederlage erhalten – allerdings in der Exekutive statt in der Legislative.

#staatklar: Frau Herrmann, in einem Wahlkampf-Video auf Instagram sagen Sie, dass Sie „keinen Bock auf einen Rechtsruck haben“ – nun ist die AfD in Mecklenburg-Vorpommern stärkste Kraft und die CDU aus dem Landtag geflogen. Was ist Ihnen am Wahlabend durch den Kopf gegangen?

Herrmann: Das Ergebnis der AfD ist erschreckend. Klar, die Umfragen hatten das schon angedeutet – aber es ist noch einmal etwas anderes, es schwarz auf weiß zu sehen. Entsprechend war das hart, als um 18 Uhr die ersten Hochrechnungen kamen. Erst lagen wir bei 5,5 Prozent. Ich hatte nicht mit einem überragenden Ergebnis gerechnet. Aber dass die CDU als konservative Kraft der Mitte aus dem Landtag geflogen ist, überrascht und schockiert mich. Das Ergebnis entspricht nicht dem, was ich bei den vielen Gesprächen an Haustüren und Infoständen im Wahlkreis wahrgenommen habe.

Wie erklären Sie sich das Ergebnis?

Da spielen viele Faktoren eine Rolle. Aus meiner Sicht ist bei uns im Landesverband vieles nicht optimal gelaufen, zum Beispiel die Listenaufstellung. Mit 36 Jahren war ich die jüngste CDU-Kandidatin; durch Nachnominierungen gab es darüber hinaus nur einen Kandidaten, der jünger war als ich.

Man muss anerkennen, dass die Kampagne von Manuela Schwesig bei den Wählerinnen und Wählern sehr gut angekommen ist. Aber sie hatte einen Preis: Der Sieg ging zulasten der anderen demokratischen Parteien. Auch die Grünen mussten zittern, die Linke hat ordentlich Federn gelassen. Die Polarisierung zwischen SPD und AfD hat die anderen Parteien pulverisiert.

Ein ähnliches Phänomen ließ sich bei den vergangenen Landtagswahlen in Baden-Württemberg beobachten. Dort vollzog sich die Polarisierung zwischen CDU und Grünen. 

Ja, das ist vergleichbar. Ein weiterer Punkt ist, dass die Bundespolitik den Wahlkampf überschattet hat. Rückenwind haben wir nicht bekommen, im Gegenteil. Ich bin überzeugt, dass wir den Einzug in den Landtag geschafft hätten, wenn die Situation eine andere gewesen wäre.

Vertrauen lässt sich nur mit Taten zurückgewinnen. Diese müssen zu spürbaren Verbesserungen führen.

Karoline Herrmann

Vor allem die unter 30-Jährigen fühlen sich nicht repräsentiert. In dieser Altersgruppe erzielten CDU und SPD in Mecklenburg-Vorpommern zusammen 24 Prozent – die AfD 37. In Berlin kommen die beiden ehemaligen Volksparteien auf 16 Prozent – die Linkspartei auf 47. Das geht aus einer Erhebung der Forschungsgruppe Wahlen hervor. Was muss die politische Mitte unternehmen, um wieder das Vertrauen der jungen Generation zu gewinnen?

Wenn ich die Patentlösung wüsste, stünden wir nicht an dem Punkt, an dem wir jetzt stehen. Für mich ist jedoch klar: Es nützt nichts, ständig zu behaupten, wir müssten unsere Politik besser erklären. Das kann ich nicht mehr hören. Die Menschen sind doch nicht dumm und sehr wohl in der Lage, politische Entscheidungen zu verstehen. Vertrauen lässt sich nur mit Taten zurückgewinnen. Diese müssen zu spürbaren Verbesserungen führen. Zwei Monate Tankrabatt bringen da gar nichts. 

Außerdem glaube ich, dass die politische Mitte ihre Themen zielgruppengerecht kommunizieren muss. Sie muss dahin, wo junge Menschen sich informieren und austauschen. AfD und Linkspartei haben in den sozialen Medien enorme Reichweiten. Sie spitzen stark zu und haben kein Problem damit, dass ihre Kommunikation am Ende populistisch ist. Dabei spielen ihnen die Algorithmen in die Hände. Das ist eine Gratwanderung, aber wir müssen da insgesamt stärker werden, wenn wir junge Leute erreichen wollen.

Wo liegen zentrale Probleme der jungen Generation?

Da läuft vieles schief. In den Großstädten ist bezahlbarer Wohnraum ein großes Thema, das spiegelt das Wahlergebnis der Linkspartei in Berlin wider. Auf dem Land ist die Lage kaum anders: Viele junge Familien wünschen sich Wohneigentum. Aber auch das kann sich kaum jemand mehr leisten. Fatal ist die Situation junger Menschen, die eine Ausbildung machen, und bei diesen Benzinpreisen aufs Auto angewiesen sind. Das Geld reicht vorne und hinten nicht. Hier muss der Staat für Entlastung sorgen. Nicht alle können im Homeoffice arbeiten.

Welche Rolle spielt der öffentliche Dienst, um Vertrauen zurückzugewinnen?

Ich glaube, dass es vor allem auf die Außenwahrnehmung ankommt. Bürokratie ist den Menschen ein Dorn im Auge, übrigens auch den Beschäftigten im öffentlichen Dienst. Es kann nicht sein, dass überall von Bürokratieabbau die Rede ist, man aber im Amt oft das Gegenteil erlebt. Digitalisierung und Künstliche Intelligenz bieten hier großes Potenzial.

Karoline Hermann war von 2017 bis 2022 Vorsitzende der dbb jugend. Seit ihrer Amtszeit ist die gewerkschaftliche Jugendorganisation auch in der Bundesleitung des dbb vertreten, das sieht die 36-Jährige rückblickend als großen Erfolg ihrer Amtszeit. In Erinnerung geblieben ist auch eine Aktion im Bundestag, bei der die dbb jugend viele prominente Stimmen aus der Politik einfangen konnte. „In der Woche wurde die Ehe für alle beschlossen, entsprechend war viel los“, erzählt Herrmann. „Wir haben unter anderem Thorsten Frei und Katarina Barley zu unseren Themen befragt. Das hat großen Spaß gemacht.“

Als ehemalige Vorsitzende der dbb jugend: Was können Gewerkschaften beitragen?

Ich bin der Überzeugung, dass gewerkschaftliche Arbeit immer am meisten Früchte trägt, wenn die Sozialpartnerschaft ernst genommen wird. Heißt: Die Zusammenarbeit mit Politik und Behördenleitungen muss konstruktiv sein. Natürlich will ich keine Gewerkschaften, die nur im Sinne der Arbeitgebenden handeln, dann erfüllen sie ihren Zweck nicht. Gewerkschaften müssen Reformen begleiten und dabei stets die Perspektive der Beschäftigten einnehmen. Wenn das gelingt und die Erfolge sichtbar werden, erreicht man auch neue potenzielle Mitglieder.

Mehr entdecken: Warum Gewerkschaft? Vier Gründe für eine Mitgliedschaft

Dieses Jahr feiert die dbb jugend ihr 70-jähriges Bestehen. Was geben Sie den Mitgliedern mit auf den Weg?

Ich wünsche mir, dass die dbb jugend bei allen relevanten Themen dranbleibt und jungen Menschen eine starke Stimme gibt – innerhalb des dbb ebenso wie gegenüber der Politik. Wichtig ist, dass die junge Generation gehört wird, mitgestalten kann und klar auf Missstände hinweist, wo es nötig ist. Bei allem politischen Engagement sollte jedoch der Spaß an der gemeinsamen Arbeit nicht zu kurz kommen.

Interview: cdi

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