Dieser Frage geht der Deutsche Bundesjugendring in einer Studie nach. #staatklar liegen erste Ergebnisse vor – einiges schockiert.
„Eine Mitarbeiterin wurde tätlich angegriffen und rassistisch beleidigt (…) Im Eingang unserer Einrichtung wurde Reizgas gesprüht.“
„Im November wurde in das Jugendhaus eingebrochen und AfD-Schriftzüge und Hakenkreuze hinterlassen.“
„Ein Busfahrer (der unsere Kids und Betreuer*innen von der Herberge zum Bahnhof bringen sollte) meinte zu uns, man hätte uns vergessen in der Nazizeit. Also uns zu ermorden.“ (aus der jüdischen Jugendarbeit)
Dies sind Beispiele für Schilderungen, die Studienteilnehmende auf den Fragebögen notiert haben – bei den Teilnehmenden handelt es sich um mehr als 350 Jugendverbände und -ringe aus ganz Deutschland. Und bei der Studie um die Bedrohungsstudie, die der Bundesjugendring aktuell mit einem Forschungsteam durchführt.
„Das Bedürfnis, die eigenen Erlebnisse auszuformulieren, war sehr groß“, sagt Lars Reisner, Referatsleiter beim Deutschen Bundesjugendring (DBJR). Er verantwortet die Studie, gemeinsam mit seinem Kollegen Maximilian Lorenz sowie den Erziehungswissenschaftler*innen Prof. Benno Hafeneger und Jana Sämann. „Die Situation ist sehr alarmierend, uns schockiert, womit junge Menschen vor Ort konfrontiert sind.“
Ein zentrales Ergebnis der Studie: 26 Prozent der Befragten gaben an, in den vergangenen zwölf Monaten mindestens einen Vorfall erlebt zu haben, den sie als rechtsextremen Angriff oder Übergriff einstufen. Mit Blick auf die Art der Vorfälle ergibt sich folgendes Bild:
Die Befragten hatten die Möglichkeit, mehrere Antworten anzugeben – teilgenommen haben Jugendverbände,Jugendgruppen und Jugendringe, die kommunal, auf Landesebene und überregional aktiv sind. Stattgefunden hat die Befragung im Zeitraum vom 18. Dezember 2025 bis 30. April 2026. Die vollständigen Ergebnisse will der Bundesjugendring noch in diesem Jahr veröffentlichen.
Oft heißt es, dass Jugendverbände zur politischen Neutralität verpflichtet sind. Das stimmt so pauschal nicht.
Lars Reisner
Jugendverbände stehen für demokratische Selbstorganisation. Sie bilden eine Werkstatt für Demokratie, so das Selbstverständnis des Bundesjugendrings. Eigene Programme gestalten, diskutieren, Kompromisse finden, andere Meinungen aushalten, möglicherweise Vorstände wählen, all das gehört dazu. Dabei bilden die Jugendverbände die Vielfalt der Gesellschaft ab: Die Angebote richten sich an verschiedene Interessen, Konfessionen und Minderheiten.
„Diese Pluralität ist der extremen Rechten ein Dorn im Auge“, sagt DBJR-Referatsleiter Lars Reisner. „Jugendverbände sind in ihrer Selbstorganisation und Pluralität das Gegenteil einer zentral gesteuerten Staatsjugend“ – vor diesem Hintergrund seien die Anfeindungen und Angriffe zu erklären.
Zur Strategie gehöre ebenfalls, die Gemeinnützigkeit von Jugendverbänden anzuzweifeln. Das passiert beispielsweise über parlamentarische Anfragen der AfD. Reisner: „Oft heißt es, dass Jugendverbände zur politischen Neutralität verpflichtet sind. Das stimmt so pauschal nicht. Richtig ist, dass politische Betätigung im Rahmen der eigenen Satzung erlaubt ist. Problematisch wäre nur eine parteipolitische Ausrichtung.“
„Seit einem Drohschreiben und dem Einwerfen einer Scheibe fühlen sich die Mitarbeiter*innen schon bedroht, gerade wenn sie auch mal allein in der Einrichtung sind.“
So lautet eine Schilderung eines befragten Jugendverbands. Schlimmstenfalls drängen Einschüchterungsversuche das Engagement zurück, egal ob haupt- oder ehrenamtlich. „Wenn es dazu kommt, haben die Rechtsextremen gewonnen“, unterstreicht Reisner. Das dürfe nicht passieren. Gerade jetzt komme es darauf an, für die eigene inhaltliche Arbeit einzustehen.
Der Bundesjugendring rät allen Jugendverbänden, ein Präventionskonzept zu erarbeiten, das folgende Fragen beantwortet: Wo sind wir angreifbar? Und wie reagieren wir im Ernstfall?
Weiterführende Informationsmaterialien veröffentlicht der DBJR auf seiner Website, darunter ein Sonderheft mit dem Titel Haltung statt Neutralität.
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Ein Punkt, der Lars Reisner abschließend wichtig ist: „Oft kommt die Frage, warum wir uns in der Bedrohungsstudie nur mit rechtsextremen Anfeindungen beschäftigten. Der Grund: Uns wird fast ausschließlich von rechtsextremen Angriffen berichtet. Linksextreme Anfeindungen sind aktuell kein Thema. Wenn es so wäre, würden wir diese ebenfalls einbeziehen.“
Text: Christoph Dierking