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Bundesschüler*innenkonferenz Wie gesund mit Social Media umgehen?

Zu dieser Frage hat eine Kommission Vorschläge erarbeitet – doch eine Beteiligung der Bundesschüler*innenkonferenz hat nicht stattgefunden, beklagt Lilli Berthold, stellvertretende Generalsekretärin. Grund sei schlechte Kommunikation.

Seit November 2025 ist sie im Amt, gerade hat sie das Abitur bestanden: Für Lilli Berthold ist die Schule die Instanz, über die sich ein Bewusstsein für gesellschaftliche Themen und Probleme schaffen lässt, unter anderem mit Blick auf Demokratiebildung und den Klimawandel. Aber es geht ihr auch um zwischenmenschliche Kompetenzen, die im gesamten Leben von Bedeutung sind. Dazu gehört der gesunde Umgang mit Social Media.

Im Juni hat eine Expertenkommission um den Bildungsforscher Olaf Köller 56 Empfehlungen vorgelegt und an das Bundesfamilienministerium übergeben. Im Raum steht, das Recht des Kindes auf Schutz vor digitaler Vernachlässigung ins Bürgerliche Gesetzbuch aufzunehmen, ein Mindestalter von 13 Jahren für die Social-Media-Nutzung einzuführen und das Suchtpotenzial der Plattformen einzudämmen.

Wie stehen die Schüler*innen und junge Menschen zu den Vorschlägen der Kommission? Darüber hat #staatklar mit Lilli Berthold gesprochen, der stellvertretenden Generalsekretärin der Bundesschüler*innenkonferenz.

#staatklar: Frau Berthold, mit jungen Menschen reden statt über sie – das ist zumindest das Ideal. An den Empfehlungen der Kommission zum gesunden Umgang mit Social Media war die Bundesschüler*innenkonferenz jedoch nicht beteiligt. Was ist aus Ihrer Sicht schiefgelaufen?

Berthold: Alles! Bevor die Kommission ihre Arbeit aufgenommen hat, haben wir klar über die Presse kommuniziert, dass wir unsere Expertise gerne einbringen möchten. Wir sind ein großer Verband und sprechen für die Schülerinnen und Schüler in Deutschland. Unsere Positionen sind demokratisch beschlossen, wir haben eine demokratische Legitimation. Doch es herrschte Funkstille. 

Als die Empfehlungen veröffentlicht wurden, war Amy Kirchhoff, unsere Generalsekretärin, in der Tagesschau, in einer Schalte mit der Bundesfamilienministerin. Frau Prien sagte, wir seien die ganze Zeit eingeladen gewesen, unseren Input beizusteuern. Das hat uns irritiert, denn so war es nicht. 

Auf einer Podiumsdiskussion habe ich den Leiter der Kommission, Olaf Köller, direkt gefragt, warum wir nicht eingeladen waren. Daraufhin sagte er, sie hätten mehrfach Einladungen verschickt. Es hätte aber niemand reagiert und das sei unser Problem.

Wurden denn Einladungen verschickt?

Wir haben bei uns alles auf den Kopf gestellt, aber nichts gefunden, und deshalb bei der Kommission gefragt, ob sie uns die Belege schicken könnte. Turns out: Die Geschäftsstelle der Kommission hat die Einladungen an die privaten E-Mail-Adressen von zwei ehemaligen Mitgliedern geschickt, die gar nicht mehr aktiv waren, früher aber mal unsere Social-Media-Kanäle betreut haben. Unsere Geschäftsstelle hat keine Einladung erhalten. Das finden wir unprofessionell, zumal unsere offiziellen Ansprechpartner*innen bekannt sind.

Es ergibt keinen Sinn, Social Media zu verbieten, weil es einfach Teil der Lebensrealität geworden ist.

Lilli Berthold

Nun liegen die Vorschläge der Kommission auf dem Tisch. Zunächst ganz grundsätzlich: Wie stark ist das Bewusstsein bei jungen Menschen ausgeprägt, dass mit der Social-Media-Nutzung Probleme einhergehen?

Das Bewusstsein ist voll da. Wir haben im Verband viel über das Thema diskutiert. Politische Desinformation, die junge Menschen gar nicht richtig einordnen können, sind ein Riesenproblem, außerdem Cybermobbing und Suchtverhalten. 

Viele steuern selbstständig gegen und legen pro Tag eine maximale Bildschirmzeit fest. Oder richten sich eine Bildschirmsperre ein. Zum Beispiel ab 22 Uhr, um den Schlaf zu schützen. Das sind meistens die, die ohnehin schon reflektiert mit Social Media umgehen, ist zumindest mein Eindruck. 

Aber dann gibt es noch andere, die das Smartphone exzessiv nutzen, sich kaum bewegen, nicht ausreichend schlafen und sich in der Schule nicht konzentrieren können. Da reicht es nicht, einfach eine Bildschirmsperre einzurichten. Man muss tiefgründiger ansetzen. Es ist ja auch nicht getan, wenn man einem Alkoholiker einfach sagt, er soll mit dem Trinken aufhören. 

Personalisierte Feeds verleiten zum Weiterscrollen, Push-Nachrichten wecken die Aufmerksamkeit, das nächste Video startet automatisch – muss die Politik die Medienkonzerne stärker in die Pflicht nehmen?

Auf jeden Fall. Um mal ein krasses Beispiel zu nennen: Es kann doch nicht sein, dass plötzlich im Feed irgendwelche Enthauptungsvideos auftauchen. Das ist auch eine Realität, mit der wir uns befassen müssen. Jugendschutzfilter müssen verbindlich sein.

Und wir unterstützen alle Vorhaben, Mechanismen einzudämmen, die Suchtpotenzial haben. Hilfreich wäre es, wenn ein Feed ab einem gewissen Punkt einfach endet und es nicht weitergeht. Ein Vorschlag der Kommission ist, bestimmte Defaults, also Standardeinsteinstellungen, für bestimmte Altersgruppen zu definieren. So könnte man zum Beispiel die niemals endenden, algorithmischen Feeds für Jüngere blockieren. Diesen Vorschlag begrüßen wir ausdrücklich.

Das wird allerdings nur auf europäischer Ebene funktionieren, hier ist die EU gefordert. Ebenfalls ein Vorschlag der Kommission: ein Mindestalter für Social Media einzuführen. Im Raum steht ein Alter von 13 Jahren. 

Da sehe ich viele Probleme. 13 ist ja nicht gleich 13, alle haben unterschiedliche Entwicklungsstände. Und wenn jemand 13 ist, gibt es im Freundeskreis viele, die vielleicht erst elf oder schon 15 sind. Es ergibt keinen Sinn, Social Media zu verbieten, weil es einfach Teil der Lebensrealität geworden ist. 

Die Frage darf also nicht sein, ob wir jungen Leuten das Smartphone wegnehmen. Vielmehr müssen wir darüber nachdenken, wie wir negative Faktoren auslagern können, ohne ein Verbot umzusetzen. Wie kann man verhindern, dass sich Jugendliche in den Sozialen Medien ständig vergleichen, dass sie nicht mehr in die frische Luft gehen und nachts scrollen, statt zu schlafen?

Viel wichtiger als eine Altersgrenze sind die Rahmenbedingungen, die wir verbessern müssen!

Worauf kommt es an, insbesondere in den Schulen? 

Ich glaube, es wäre gut, sehr pragmatisch an die Sache heranzugehen. Es braucht nicht immer komplizierte Fortbildungen. Am wichtigsten ist, dass die Lehrkräfte offen sind. Ganz nebenbei: Gut wären auch ausreichend Sozialarbeitende in Schulen, die auch Probleme in Zusammenhang mit Social Media abfedern können. Davon sind wir weit entfernt.

Was sind Best-Practice-Beispiele für den Unterricht?

Davon gibt es viele. Hervorheben würde ich Digital School Story, das ist ein externes Angebot. Alle Schulen können es niedrigschwellig nutzen. 

Das Prinzip: Die Schüler*innen bereiten neun Wochen Unterrichtsinhalte auf, die ohnehin im Curriculum stehen, und das in Kurzvideos. Quasi, als ob sie für TikTok oder Instagram produzieren. Alle müssen sich ein Konzept überlegen, alle müssen mal vor die Kamera, alle müssen schneiden. Veröffentlicht werden die Videos nicht, nur im Unterricht besprochen.

Dabei reflektieren die Jugendlichen über den Lernstoff, aber eben auch über die Funktionsweise von Social Media – und das fördert einen bewussten und gesunden Umgang.

Ich glaube, dass sich mehr junge Menschen einsamer fühlen würden, ohne die Möglichkeit, sich digital zu vernetzen.

Lilli Berthold

Bei aller berechtigter Kritik: Welche Vorteile von Social Media dürfen in der Debatte nicht außer Acht gelassen werden?

Anschluss finden, Nachrichten lesen, sich informieren, das alles findet über Social Media statt. Noch einmal: Es ist die Lebensrealität!

Außerdem kommunizieren Jugendliche mit Fluchterfahrung über die Sozialen Medien mit ihren Familien in der Heimat. Queere Menschen finden Gleichgesinnte – auch das darf man nicht vergessen.

Und während der Pandemie war die Kommunikation über Soziale Medien die einzige Option.

Genau! Ich glaube, dass sich mehr junge Menschen einsamer fühlen würden, ohne die Möglichkeit, sich digital zu vernetzen.

Mehr entdecken: „Resilienz trainieren heißt, die Komfortzone zu verlassen“

Ihr Fazit: Wie sieht ein gesunder Umgang mit Social Media aus?

Am wichtigsten ist, dass man den Anschluss an die reale Welt nicht verliert und sich wohlfühlt. Dass man Freundschaften, Familie und Hobbys nicht vernachlässigt. Und dass man sich ausreichend bewegt, gut schläft und sich vor dem Stress der digitalen Welt schützt. 

Nicht zuletzt finde ich es immer hilfreich, sich auch mit Menschen in der realen Welt über digitale Inhalte auszutauschen und die Welten nicht isoliert betrachtet. Man selbst muss die digitalen Medien kontrollieren und nicht umgekehrt!

Interview: cdi

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