• Philipp Weimann ist Justizvollzugsbeamter in der JVA Heilbronn. Foto: PETER ALTROCK

Jobkompass: Der Justizvollzugsbeamte

Keine Drogen hinter Gittern!

Zunächst hat Philipp Weimann ausschließlich in der Justizvollzugsanstalt Heilbronn gearbeitet, aber das hat sich 2019 geändert. Grund dafür ist sein vierbeiniger Begleiter.

Sobald Balin Drogen aufgespürt hat, verfällt er eigentlich in eine Art Starre. Der Schwanz bewegt sich nicht mehr, die Schnauze auf die Fundstelle gerichtet. So hat es der Rüde – ein deutsch-belgischer Schäferhund-Mischling – gelernt. Doch diesmal ist es so, als würde er mit dem Kopf schütteln, er schwankt von links nach rechts, zwischen den beiden Männerbeinen hin und her, die direkt vor seiner Schnauze stehen. „Das war ganz lustig anzusehen“, sagt Philipp Weimann und schmunzelt. Grund für die Irritation: Der Mann, ein Strafgefangener, hatte in beiden Socken Drogen versteckt. Aufgrund seines friedlichen und freundlichen Wesens darf Balin an Personen suchen.

Balin ist Rauschgiftspürhund im Justizvollzugsdienst, Philipp Weimann sein Herrchen. Dienstort der beiden ist die Justizvollzugsanstalt (JVA) in Heilbronn. Aber auch in vier weiteren Einrichtungen in Baden-Württemberg kontrollieren sie Zellen, Pakete und Fahrzeuge, außerdem Freigänger, die vom Ausgang zurückkehren. „Justizvollzugsanstalten muss man sich wie eine kleine Stadt in der Stadt vorstellen“, erklärt Weimann. Es gibt alles, was für den Alltag von Bedeutung ist. Eine Bäckerei, eine Metzgerei, eine Wäscherei. Mitarbeitende des medizinischen, psychologischen und pädagogischen Dienstes kümmern sich um die Strafgefangenen, von denen viele in der hauseigenen Schreinerei und Schlosserei arbeiten. „Wer arbeitet, macht keinen Blödsinn“ – und nicht zuletzt ist ein geregelter Tagesablauf für die Resozialisierung von großer Bedeutung, betont der 38-Jährige.

Die Schwere der Straftat ist nicht maßgeblich dafür, wie sich eine Person in der Haft verhält. Philipp Weimann

Weimann kommt ursprünglich aus Mecklenburg-Vorpommern. Nach der Schule macht er zunächst eine Ausbildung zum Erzieher, doch wegen der Wehrpflicht geht es für ihn im Anschluss nicht in die Kita, sondern zur Bundeswehr. Nach der Grundausbildung verpflichtet er sich für 4,5 Jahre als Zeitsoldat; endgültig den Weg als Berufssoldat einschlagen, das kommt für ihn nicht infrage. „Aber ich wollte im öffentlichen Dienst bleiben.“ Weimann überlegt, ob möglicherweise die Polizei oder der Zoll gute Optionen sind, bis der Berufsförderungsdienst der Bundeswehr ihn auf den Justizvollzug aufmerksam macht. „Das hat mir schon arg zugesagt, bereut habe ich die Entscheidung bis heute nicht.“ Charaktereigenschaften, die im Job von Vorteil sind? „Man muss sehr offen und flexibel an alles rangehen.“

Senior mit 6000 Ecstasy-Tabletten erwischt

Was das bedeutet, erfährt Weimann unmittelbar in den ersten Tagen seiner Ausbildung. Ein älterer Herr ruft ihm beim Rundgang durch die Anstalt zu: „Hören Sie mal, junger Mann, was mir für ein Unrecht widerfährt!“ Später berichtet der Ausbilder, dass der ältere Herr über 70 ist und nach einer lebenslangen Haftstrafe für nur sehr kurze Zeit wieder in Freiheit war, weil er prompt mit 6000 Ecstasy-Tabletten erwischt wurde. Biografien wie diese sind für Außenstehende ungewöhnlich, im Justizvollzugsdienst gehören sie zum Alltag. Über die Hintergründe der Strafgefangenen, mit denen er zu tun hat, informiert sich Weimann in seinen ersten Berufsjahren regelmäßig, mittlerweile spielt es für ihn keine Rolle mehr. „Die Schwere der Straftat ist nicht maßgeblich dafür, wie sich eine Person in der Haft verhält.“

Nach der Ausbildung startet Weimann in den regulären Justizvollzugsdienst. Das bedeutet: arbeiten im Dreischichtsystem. In der Frühschicht macht sich der Beamte ein Bild von den Dingen, die tagsüber anstehen. Muss jemand zum Gericht? Stehen Arztbesuche an? Wer hat Freizeit? Dann kontrolliert er die Zellen und schaut, ob bei den Gefangenen alles in Ordnung ist. Justizvollzugsbedienstete sind die ersten Ansprechpartner der Inhaftierten. Wer neu ist, hat oft Fragen zum Tagesablauf. Manche plagen private Probleme. Andere wollen wissen, wie die Chancen auf offenen Vollzug stehen. Und wieder andere möchten die Liste mit Einkäufen abgeben, die ein externer Dienstleister besorgt.

Freundschaftsspiel gegen die Gefangenen

Zur Wahrheit über den Berufsalltag gehört auch: Bedrohungen und Gewalt sind ein Thema. Justizvollzugsbedienstete haben jederzeit mobile Alarmgeräte dabei. „Schön ist es natürlich nicht, aber wie bei der Polizei Teil des Jobs. Insgesamt passiert sehr selten etwas.“ Dem gegenüber stehen viele Erlebnisse mit Strafgefangenen, an die der Beamte gerne zurückdenkt: „Ich habe lange Schwimm- und Fußballgruppen geleitet, da ging’s quasi zu wie draußen im ganz normalen Sportverein.“ Es sei schön zu sehen, wie der Sport die Menschen zusammenbringen kann. Einmal haben die Justizvollzugsbeamten gegen die Insassen Fußball gespielt. „Das hat wunderbar funktioniert, es gab keine Probleme.“

Nach einigen Dienstjahren wird Weimann auf die Möglichkeit aufmerksam, sich als Diensthundeführer weiterzubilden; er bewirbt sich und hat Glück. „Seit 2019 ist Balin mein treuer Begleiter.“ Gemeinsam absolvieren die beiden Lehrgänge in der Zollhundeschule. Der Schäferhund lernt, bei bestimmten Gerüchen bestimmte Verhaltensweisen zu zeigen. Dabei nutzen die Trainer den Spiel- und Fresstrieb der Tiere aus. Das funktioniert sehr zuverlässig. Wer Drogen schmuggelt und an der sensiblen Hundenase vorbei muss, hat in der Regel das Nachsehen. Bisweilen kommt es vor, dass Mütter von Inhaftierten – Frauen im Altern von 50 bis 60 Jahren, die strafrechtlich nie auffällig waren – für ihre Söhne Drogen hinter die Mauern schmuggeln. „Da merken wir schnell, dass etwas nicht stimmt. Aber im Gefängnis haben wir ja den Vorteil, dass uns die Leute nicht weglaufen.“ Die Justizvollzugsbediensteten bringen jeden Fund zur Anzeige.

Am liebsten wäre Philipp Weimann, wenn die Abschreckung ausnahmslos funktionieren und gar kein Drogenschmuggel mehr stattfinden würde: „Für mich sind die besten Tage die, an denen wir nichts finden.“ Abends gehen er und Balin gemeinsam nach Hause, denn der Hund ist nicht nur Spür-, sondern auch Familienhund. „Mit Balin verbringe ich mehr Zeit als mit meiner Frau“, sagt Weimann und lacht.

Text: Christoph Dierking

FAQ: Justizvollzugsbeamt*in werden

Welche Voraussetzungen muss ich für die Ausbildung mitbringen?

Einstellungsvoraussetzung ist in der Regel ein Mittlerer Schulabschluss oder ein Hauptschulabschluss mit abgeschlossener Berufsausbildung. Je nach Bundesland gelten Mindestaltersgrenzen zwischen 18 und 21 Jahren.

Wer sich bewirbt, muss verschiedene Tests bestehen, in Hinblick auf körperliche Eignung, Fitness und Allgemeinbildung. Die zu erfüllenden Kriterien unterscheiden sich je nach Bundesland

Wie lange dauert die Ausbildung?

Die Ausbildung dauert in der Regel zwei Jahre.

Was sind zentrale Ausbildungsinhalte?

Auf dem Lehrplan stehen unter anderem Vollzugspraxis, Rechtsgrundlagen des Justizvollzugs, Kriminologie, Kommunikations- und Deeskalationsstrategien sowie Selbstverteidigung.

Wo findet die Ausbildung statt?

Wo genau was stattfindet, unterscheidet sich von Bundesland zu Bundesland. In Bayern etwa läuft die Ausbildung über das Justizministerium, in Baden-Württemberg bilden Justizvollzugsanstalten selbst aus. Die Anwärter*innen lernen in verschiedenen Vollzugsformen (Untersuchungshaft, Strafvollzug), außerdem besuchen sie in der Regel Justizvollzugsschulen; das sind Berufsschulen, die auf den Justizvollzug zugeschnitten sind.

Was verdiene ich?

Justizvollzugsbeamt*innen im mittleren Dienst steigen abhängig vom Bundesland mit einer A7- oder A8-Besoldung ein.

Die aktuellen Besoldungstabellen veröffentlicht der dbb beamtenbund und tarifunion.

Welche Karrierechancen bieten sich mir nach der Ausbildung?

Sport, Musik oder Handwerk – Justizvollzugsbedienstete können sich mit Angeboten für Strafgefangenen einbringen, die ihren eigenen Interessen entsprechen. Weiterbildungen sind möglich, etwa zur Pflegekraft oder zum Diensthundeführer*in.

Wo finde ich weitere Informationen?

Informationen gibt es in den Länderportalen der Justizministerien und direkt bei den Justizvollzugsanstalten, hier exemplarisch bei der JVA Heilbronn. Manche Bundesländer pflegen auch eigene Websites über die Ausbildung zum Justizvollzugsbediensteten, unter anderem Baden-Württemberg.