Im Nahverkehr, auf dem Amt, im Einsatz: Viele Beschäftigte des öffentlichen Dienstes erleben Gewalt im Arbeitsalltag. Was jetzt zu tun ist.
„Es kann nicht sein, dass Menschen angegriffen werden, weil sie ihren Job machen“, sagte Matthäus Fandrejewski, Vorsitzender der dbb jugend, auf dem Bundesjugendausschuss, der Anfang Oktober in Nürnberg stattgefunden hat. „Das gesellschaftliche Klima wird immer rauer. Wir müssen die Beschäftigten im öffentlichen Dienst besser schützen, aber auch systematisch an die Ursachen heran. Niemand soll mit Angst zur Arbeit gehen.“
„Sorge bereitet mir vor allem, dass es inzwischen fast überall Vorfälle gibt“, ergänzte Daria Abramov, Erste stellvertretende Vorsitzende der dbb jugend. „Besonders schockierend ist, dass auch immer wieder Retterinnen und Retter zu Opfern werden. Ich erwarte, dass sich der Staat hinter seine Beschäftigten stellt und eine Null-Toleranz-Strategie fährt.“
Aus Sicht der dbb jugend braucht es funktionierende Sicherheitskonzepte in den Behörden, Meldesysteme und Fortbildungen. Abramov: „Tatsache ist auch, dass die Politik das Ansehen des Staates verbessern muss. Wir brauchen Bürokratieabbau, mehr Digitalisierung und bessere Arbeitsbedingungen, die einen besseren Service ermöglichen. Denn zufriedene Bürgerinnen und Bürger werden seltener ausfallend.“
Das aktuelle Vorgehen erinnert mich, das sage ich bewusst überspitzt, eher an das Führen einer Strichliste.
Rainer Nachtigall, BBB-Vorsitzender, über fehlende Statistik
Die dbb jugend hatte Expert*innen zum Bundesjugendausschuss nach Nürnberg eingeladen, die Impulse zum Thema lieferten. „Die Gewalt gegen Beschäftigte spiegelt das Aggressionspotenzial in der Bevölkerung wider“, sagte Kathleen Kolbinger, Ministerialrätin im Bayerischen Staatsministerium der Finanzen und für Heimat. „Jeder einzelne Fall ist einer zu viel.“
Der Freistaat erfasst die Zahl der Vorfälle regelmäßig. 2025 wurden 8.344 Gewaltvorfälle zur Anzeige gebracht. Das entspricht einem Rückgang um rund fünf Prozent gegenüber dem vorherigen Erhebungszeitraum von Juli 2022 bis Juni 2023. Grundsätzlich gilt: „Die Betroffenheit hängt vom Bürgerkontakt ab. Je mehr Kontakte, desto mehr Vorfälle“, so die Ministerialrätin.
Trotz des Rückgangs bleibt der Handlungsbedarf groß. Bemerkenswert: Im Kultusressort kamen 92 Fälle hinzu, ein Plus von knapp 57 Prozent. Die Anzeigen bilden das Geschehen an Schulen nach Kolbingers Einschätzung jedoch nur eingeschränkt ab. Täter und Opfer kennen sich; häufig bearbeiten die Schulen Konflikte intern und beziehen Sozialpädagog*innen ein. Im Wissenschaftsressort, das auch Übergriffe auf Klinik- und Rettungspersonal an den Universitätskliniken erfasst, stieg die Zahl der angezeigten Gewaltvorfälle um 25 und damit um mehr als 80 Prozent.
Neben dem unmittelbaren Schutz – dazu gehören Prävention, Hilfe im akuten Notfall und Nachsorge – fordert Kolbinger Konsequenzen nach Übergriffen: „Die Strafverfolgung ist wichtig, sie muss mit angemessener Härte und möglichst schnell erfolgen“, sagte sie. Dies sei vor allem ein wichtiges Signal für die Betroffenen. Der Abschreckungseffekt durch Strafen habe allerdings auch Grenzen: „Die Gewalt geht auch von Menschen aus, die in der konkreten Situation nicht nachdenken, ein zu befürchtendes Strafmaß hält sie nicht von der Tat ab.“
„Gewalt darf nicht zum Berufsrisiko werden“, betonte Olaf Kuch, Leiter des Direktoriums Bürgerservice, Digitales und Recht der Stadt Nürnberg, in seinem Impulsvortrag. Leider sehe die Realität oft anders aus. Die Beschäftigten des öffentlichen Dienstes erleben verbale Angriffe, hinzu kommen körperliche Übergriffe. Kuch hat selbst einen solchen Übergriff am Schalter in einer Behörde miterlebt: Ein Mann sprang über den Tisch, vier Polizisten mussten ihn am Boden fixieren, einer der Beamten erlitt einen Rippenbruch.
Im Außendienst geraten Beschäftigte der Stadt immer wieder in problematische Situationen, etwa bei Lebensmittelkontrollen, berichtete Kuch. Amtsveterinäre finden sich bei Hausbesuchen in emotional aufgeladenen Situationen wieder, wenn sie wegen vernachlässigter Tiere einschreiten. „Und bei Demonstrationen geraten Kolleginnen und Kollegen zwischen die Fronten“ – in Nürnberg etwa erleben sie bei einer Demonstration von Rechtspopulisten, die wöchentlich stattfindet, und linken Gegenprotesten Anfeindungen aus beiden Lagern.
All dem begegnet die Stadt mit klarer Haltung. 2016 wurde eine Erklärung zur Nulltoleranz gegenüber Gewalt verabschiedet, seit 2020 gibt es eine Rahmendienstvereinbarung, die Verbindlichkeit für die Beschäftigten schafft.
„Wir haben viel auf den Weg gebracht“, resümierte Kuch. Zum Schutz im Arbeitsalltag setzt die Stadt auf Sicherheitsdienste. Diese kontrollieren den Einlass, prüfen Taschen, übernehmen mittlerweile aber auch organisatorische Aufgaben und lenken den Publikumsverkehr. Trotz des Drucks zur Haushaltskonsolidierung betrachtet Kuch sie als elementaren Bestandteil des Schutzkonzepts. Über eine Alarmierungssoftware können Beschäftigte außerdem am Computer einen stillen Alarm auslösen und Kolleg*innen in benachbarten Büros verständigen. Eine Telefonfunktion ermöglicht es ihnen, die Situation im betroffenen Raum mitzuhören – eine große Hilfe, wenn es darum geht, die Lage richtig einzuschätzen und angemessen zu reagieren.
Welche Ausbildung und Ausstattung brauchen Polizeibeamt*innen, um auf mögliche Einsatzszenarien vorbereitet zu sein? Diese Frage lässt sich nur beantworten, wenn umfassende Daten vorliegen. „Lange fehlte uns die statistische Grundlage“, berichtete Rainer Nachtigall, Vorsitzender des Bayerischen Beamtenbundes (BBB). Ein detailliertes Lagebild gebe es erst seit 2010. Es gibt unter anderem Auskunft darüber, ob Täter einzeln oder aus einer Gruppe heraus agieren, in welchen Zusammenhängen – beispielsweise auf Demonstrationen – es zu Taten kommt und welche Waffen die Täter verwenden. „Auf dieser Grundlage können die Einsatztrainer die Kolleginnen und Kollegen schulen, das ist ein großer Fortschritt.“
Kritik äußerte der BBB-Vorsitzende daran, dass die Polizeiliche Kriminalstatistik die angezeigten Fälle von Gewalt gegen Polizeibeamt*innen genau erfasst, die Justiz in ihrer Statistik allerdings nicht die Brücke zu den Beschäftigten zurückschlägt. Heißt: Es gibt keine umfassende Information darüber, was aus einer Anzeige resultiert. „Außerdem brauchen wir bundesweit eine aussagekräftige Statistik, die Gewalt gegen Beschäftigte des öffentlichen Dienstes insgesamt beleuchtet“, forderte Nachtigall. „Davon sind wir weit entfernt. Das aktuelle Vorgehen erinnert mich, das sage ich bewusst überspitzt, eher an das Führen einer Strichliste.“
Nachtigall äußerte sich auch zum Fall der beiden Behördenmitarbeiter, die Anfang Oktober bei einer Routinekontrolle legaler Waffen in Berngau getötet wurden. In Bayern gibt es etwa 200.000 Personen, die legal eine Waffe besitzen – jährlich finden laut Innenminister Joachim Herrmann (CSU) zahlreiche Kontrollen statt, um sicherzustellen, dass diese ordnungsgemäß aufbewahrt werden. Nachtigall: „100 Prozent Sicherheit gibt es an keiner Stelle. Wir müssen trotzdem schauen, dass wir aus dem Fall unsere Lehren ziehen.“
Text: cdi