Inflation bereitet jungen Menschen Sorgen

„Eine Form von Existenzialismus“

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Größere Sorgen als ein Krieg in Europa oder der Klimawandel bereitet jungen Menschen derzeit die Inflation. Das Gehalt wird damit für die „Generation Z“ ein immer wichtigerer Motivator im Job.

Die Inflation, der Krieg in Europa und der Klimawandel setzen den jungen Menschen weiter zu, sagte Simon Schnetzer, Mitherausgeber der Trendstudie „Jugend in Deutschland“, im November 2022 im „Deutschlandfunk“ anlässlich der gerade veröffentlichten neuen Auflage der großen Jugendbefragung. Die Studie wird von Jugendforscher Schnetzer in Kooperation mit dem Jugend- und Bildungsforscher Prof. Dr. Dr. h.c. Klaus Hurrelmann als wissenschaftlicher Berater und Co-Autor veröffentlicht und erscheint seit 2020 in halbjährlicher Folge. Datengrundlage ist eine repräsentative Online-Befragung der deutschsprachigen Bevölkerung im Alter von 14 bis 29 Jahren. Insgesamt wurden 1027 junge Menschen vom 4. bis 21. Oktober 2022 befragt.

Die Sorge ums Klima sei unverändert, die anderen Sorgen hätten sich darübergelegt, so Schnetzer. Auch die Folgen von Corona seien weiter deutlich spürbar, bei einem Drittel der Befragten sogar sehr deutlich: Viele haben ihr Studium abgebrochen, den Job an den Nagel gehängt, die Schule abgebrochen, kommen teils nicht wieder in die Gänge. Die teils fatalen Folgen sind Stress, Antriebslosigkeit und Erschöpfung. Rund ein Viertel der Heranwachsenden hat der Studie zufolge Depressionserfahrung, rund jeder Zehnte äußert Suizidgedanken. Und: Fast jeder fünfte Jugendliche hat laut Schnetzer Schulden – viele gäben Geld aus, das sie nicht haben, was durch Dienstleister, die späteres Bezahlen oder relativ naives Investieren bei Trading-Plattformen noch befeuert werde.

Gehalt wird wichtigster Motivator im Job

Akut hinzu kommen nunmehr massive Inflationssorgen bei den jungen Menschen: 71 Prozent der Befragten nannten die Inflation auf die Frage nach ihren aktuellen Ängsten. Auf Platz zwei lag der Krieg in Europa (64 Prozent) vor dem Klimawandel (55 Prozent). Nie gekannte Teuerungsraten von über zehn Prozent belasten den Nachwuchs unmittelbar und führen zu materiellen Existenzängsten – Einkaufen wird teurer, die Energiekosten für Zimmer oder Wohnung steigen ebenso wie die Miete, wie die Preise von ÖPNV-Tickets und Freizeitaktivitäten. Deswegen misst die junge Generation ihrem Einkommen derzeit einen sehr hohen Stellenwert bei. Das Gehalt wird im Zuge der Inflation ein immer wichtigerer Motivator im Job. Je jünger die Menschen sind, desto wichtiger ist ihnen Geld, belegen die aktuellen Studiendaten. Die Studienautoren fassen diese Entwicklung so zusammen: „Was wir hier beobachten, ist kein neuer Materialismus, sondern eine Form von Existenzialismus. Junge Menschen sehen ihrer finanziellen Zukunft mit großer Sorge entgegen, und um sich für die Zukunft abzusichern, benötigen sie Geld.“

Insgesamt manifestiert sich damit ein Trend, der sich schon in früheren Befragungen abgezeichnet hat. War das Einkommen schon zuvor der wichtigste Motivator junger Menschen, stieg die Bedeutung des Geldes noch einmal um drei Prozentpunkte. Vor allem die besonders jungen Vertreter*innen der Generation Z mehr Wert auf Geld – gaben bei den Studierenden etwas mehr als die Hälfte der Befragten an, dass sie Geld motiviere, waren es bei Schüler*innen und Auszubildenden sogar 64 und 63 Prozent. Auch mit Blick auf den Jobwechsel zeigt sich ein eindeutiger Trend: Argument Nr. 1 für einen Arbeitgebenden-Wechsel ist „mehr Geld“ (65 Prozent), ein Drittel würden für eine bessere Work-Life-Balance wechseln, 30 Prozent für eine bessere Arbeitsplatzatmosphäre und 29 Prozent für bessere Aufstiegsmöglichkeiten. Unter den Schüler*innen gaben sogar 76 Prozent an, dass ein Jobwechsel für sie in Frage kommt, wenn sie mehr verdienen.

Herausforderung für Arbeitgebende

„Für Arbeitgeber“, schreiben die Autoren in der Studie, „fällt das Fazit sehr ernüchternd aus, weil sich zu den steigenden Kosten in sämtlichen Bereichen nun auch für die Personalkosten erhebliche Mehrbelastungen abzeichnen“. Die jungen Menschen würden erkennen, „dass sie durch die Inflation für viele Dinge mehr bezahlen müssen, jedoch nicht mehr verdienen.“

Spannend wird nun, wie die Arbeitgebenden auf diese zusätzliche Herausforderung reagieren werden. Denn bekanntermaßen ist sich die Generation Z ihrer aufgrund des demografischen Wandels und schon heute dramatischen Fachkräftemangels sehr vorteilhaften Position auf dem Arbeitsmarkt vollkommen bewusst: Die gut qualifizierten Nachwuchskräfte können ihre Beschäftigungsbedingungen sehr effektiv in ihrem Sinne gestalten, da die Arbeitgebenden aufgrund des knappen Arbeitskräfteangebots schlicht auf sie angewiesen sind und in einem harten Konkurrenzwettbewerb um junge Talente mit anderen Arbeitgebenden stehen. Bislang ging es dem Nachwuchs vor allem um eine gute Vereinbarkeit, Work-Life-Balance und Sinnhaftigkeit im Job. Hinzu kommt nun auch noch der Bedeutungszuwachs des harten Faktors Gehalt, und da werden die Institutionen und Unternehmen gehörig drauflegen müssen, wenn sie die Inflation auch nur annährend ausgleichen und Nachwuchskräfte gewinnen wollen.